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Atem verstehen · 5 Min. Lesezeit

Wim Hof und Breathwork: wo die Risiken liegen und was belegt ist

Kräftig ein, locker aus, dreissig Mal, dann die Luft anhalten: Schnelles Atmen nach Wim Hof und andere Breathwork-Formen sind beliebt. Hier steht, was dabei im Körper passiert, was die Studien tatsächlich zeigen und wo die echten Risiken liegen. Und warum ruhige Atemübungen etwas grundlegend anderes sind.

Von Veröffentlicht am

Das Wichtigste in Kürze

  • Das grösste Risiko ist Wasser: Wer vor dem Tauchen schnell und tief atmet, spürt den Atemdrang zu spät und kann unter Wasser ohnmächtig werden.
  • Die Studienlage ist dünn: Eine Übersicht fand bis 2022 nur acht kleine Studien zur Wim-Hof-Methode, alle von sehr niedriger Qualität.
  • In der grössten verblindeten Studie war schnelles Breathwork nicht besser als eine ruhige Schein-Atmung.
  • Nicht für alle: Bei Schwangerschaft, Epilepsie, Panikstörung, Psychosen und vielen Herz-, Gefäss- und Lungenerkrankungen raten Fachleute davon ab.

Was mit Breathwork gemeint ist

„Breathwork“ ist ein Sammelbegriff. Gemeint sind meist Formen, bei denen man absichtlich schneller oder tiefer atmet als nötig: die Wim-Hof-Atmung, holotropes Atmen, „Conscious Connected Breathing“, Rebirthing oder Techniken aus dem Yoga wie Kapalabhati. Typisch sind dabei Benommenheit, Sehstörungen, Kribbeln, Herzklopfen, Zittern, Angst und verkrampfte Hände.1

Holotropes Atmen wurde in den 1970er-Jahren von Stanislav und Christina Grof entwickelt. Man atmet dabei sehr schnell und tief, oft stundenlang, zu eindringlicher Musik und mit einer begleitenden Person.1 In einer Studie mit erfahrenen Teilnehmenden hing ein stärkerer Abfall des Kohlendioxids damit zusammen, wie tief die veränderten Bewusstseinszustände waren. Aber auch Menschen, die im selben Raum nur normal atmeten, erlebten einen Teil davon. Gruppe, Musik und Ablauf wirken also mit.2

Was die Wim-Hof-Studie gemessen hat

Die bekannteste Studie stammt von 2014. Zwölf junge Männer lernten zehn Tage lang bei Wim Hof Meditation, Kälte mit Eiswasser und eine Atemtechnik: etwa 30 kräftige Atemzüge, dann ausatmen und zwei bis drei Minuten die Luft anhalten. Während der Übung stieg das Stresshormon Adrenalin stark an, das Blut wurde durch das Abatmen von Kohlendioxid stark basisch, und am Ende jeder Atempause fiel die Sauerstoffsättigung kurz auf rund 50 Prozent.3

Die Studie wird oft so zitiert, als stärke die Methode das Immunsystem. Untersucht wurde aber nur eine kurze, im Labor ausgelöste Reaktion bei zwölf trainierten gegen zwölf untrainierte Männer. Welcher Teil des Trainings gewirkt hat, ob Atmung, Kälte oder Meditation, und ob das im Alltag etwas bedeutet, zeigt sie nicht; das schreiben die Autoren selbst.3

Die Studienlage insgesamt

Eine systematische Übersicht fand bis Juli 2022 nur acht Studien zur Wim-Hof-Methode, mit 15 bis 48 Teilnehmenden und zu 86 Prozent Männern. Die Qualität bewerten die Autoren als sehr niedrig; alle Ergebnisse seien mit Vorsicht zu lesen.4

Die bisher grösste verblindete Studie zu schnellem Breathwork mit Atempausen begleitete 200 junge, gesunde Erwachsene drei Wochen lang. Die Vergleichsgruppe atmete ruhig, 15-mal pro Minute, mit kurzen Pausen. Beide Gruppen fühlten sich danach weniger gestresst, und zwar gleich stark.5 In einer anderen Studie hob ruhiges zyklisches Seufzen die Stimmung über einen Monat sogar am stärksten, stärker als schnelles Atmen mit Pausen.6 Untersucht wurde jeweils die Technik, nicht die nowa-App.

Das grösste Risiko: Wasser

Schnelles, tiefes Atmen senkt das Kohlendioxid im Blut. Genau dieses Kohlendioxid löst normalerweise den Drang zum Atmen aus. Wer danach unter Wasser die Luft anhält, spürt den Drang deshalb später, während der Sauerstoff weiter sinkt. Dann kann man ohne Vorwarnung bewusstlos werden. In einem Bericht der US-Gesundheitsbehörde CDC hatten alle vier Menschen, die beim Luftanhalten unter Wasser starben, vorher absichtlich hyperventiliert, obwohl sie sehr gut schwimmen konnten.7

Schema: Oben steigt das Kohlendioxid beim Luftanhalten bis zur Linie Atemdrang, nach Hyperventilieren beginnt es tiefer und erreicht die Linie viel später. Unten sinkt der Sauerstoff; nach Hyperventilieren erreicht er die Linie Ohnmacht, bevor der Atemdrang kommt. Kohlendioxid Atemdrang normal nach Hyperventilieren Sauerstoff Ohnmacht Zeit unter Wasser →
  1. Beim normalen Luftanhalten steigt das Kohlendioxid. Irgendwann kommt der starke Drang zu atmen, und man taucht auf.
  2. Wer vorher hyperventiliert, startet mit wenig Kohlendioxid. Der Atemdrang kommt viel später.
  3. Der Sauerstoff sinkt aber wie immer. Mehr davon hat man durch das Hyperventilieren kaum getankt.
  4. So kann der Sauerstoff zu tief fallen, bevor der Atemdrang warnt. Unter Wasser kann eine Ohnmacht tödlich sein.
Schema nach dem Bericht der US-Gesundheitsbehörde CDC, ohne echte Messwerte.

Auch der Anbieter selbst warnt: Intensives Atmen über mehrere Runden könne selten zur Ohnmacht führen, im oder am Wasser und beim Autofahren sei das sehr gefährlich. Geübt werden solle nur im Sitzen oder Liegen.8 Benommenheit und Kribbeln nennt der Anbieter harmlos. Das Kribbeln entsteht, weil beim Überatmen Nervenfasern übererregbar werden; bei stärkerem Überatmen können sich auch Muskeln verkrampfen.9

Ruhig oder aktivierend: der Unterschied

Ruhige ÜbungenSchnelles Breathwork
Atmunglangsam, oft mit langem Ausatmenschnell und tief, oft mit langen Pausen
Kohlendioxidsinkt höchstens leichtsinkt stark
Typische Beschwerdenmeist schwach: etwas Schwindel, KribbelnBenommenheit, Kribbeln, Herzklopfen, verkrampfte Hände, selten Ohnmacht
Grösstes Risikogering; manche werden unruhigerOhnmacht, vor allem im oder am Wasser

Die Tabelle fasst die Studien in diesem Artikel und im Artikel Wenn Atemübungen nervös machen zusammen. Direkt verglichen hat beides nur eine Studie.6

Übe schnelles Atmen nie im oder am Wasser, nie in der Badewanne, nie beim Autofahren, nicht im Stehen und nirgends, wo eine kurze Ohnmacht gefährlich wäre. Atme vor dem Tauchen nie schnell und tief.

Fachleute raten bei Schwangerschaft, Epilepsie, Panikstörung und Psychosen ausdrücklich davon ab, und bei Herz-, Gefäss-, Hirn- und Lungenerkrankungen zur ärztlichen Rücksprache.1 Selbst wenn Ärztinnen und Ärzte für eine Hirnstrommessung gezielt hyperventilieren lassen, gelten unter anderem Gefässfehlbildungen im Gehirn, ein Schlaganfall in den letzten drei Monaten, Herzinfarkt, Herzrhythmusstörungen, schwere Lungenerkrankungen, Sichelzellkrankheit und Schwangerschaft als Gegenanzeigen.10 Wenn dich eine Sitzung aufwühlt oder du danach anhaltend schlecht schläfst oder ängstlich bist, sprich mit deiner Hausärztin oder deinem Hausarzt.

Häufige Fragen

Ist Breathwork gefährlich?
Wie oft an Land etwas passiert, weiss niemand genau. Eine Auswertung randomisierter Studien fand keine Nebenwirkungen, die direkt auf schnelles Atmen zurückgingen; allerdings hatte nur etwa jede fünfte Studie Nebenwirkungen überhaupt erfasst.1 Tödlich gefährlich ist schnelles Atmen vor dem Tauchen.7
Stärkt die Wim-Hof-Methode das Immunsystem?
Das ist nicht belegt. Die bekannte Studie hat eine kurze, im Labor ausgelöste Reaktion bei zwölf trainierten Männern gemessen, kombiniert mit Kälte und Meditation.3 Die Studienlage insgesamt ist sehr dünn.4
Bringt Wim-Hof-Atmung mehr Sauerstoff?
Nein. In den Atempausen fiel die Sättigung sogar kurz auf rund 50 Prozent.3 Warum tiefes Atmen kaum Sauerstoff bringt, steht im Artikel Mehr Sauerstoff durch tiefes Atmen?
Warum kribbelt es, und warum verkrampfen sich die Hände?
Beim Überatmen sinkt das Kohlendioxid, und Nerven in Haut und Muskeln werden leichter erregbar. Erst kribbelt es, bei stärkerem Überatmen können sich Muskeln verkrampfen.9 Dann sofort normal weiteratmen.
Was ist mit 9D Breathwork und ähnlichen Trends?
Zu „9D Breathwork“ habe ich keine Studie gefunden. Auch für die Behauptung, Breathwork setze körpereigenes DMT frei, gibt es keine Studie. Belegt ist nur, dass ein starker Abfall des Kohlendioxids mit veränderten Bewusstseinszuständen zusammenhängt.2

Dieser Artikel informiert allgemein über Atemübungen für Entspannung und Wohlbefinden. Er ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung, Diagnose oder Behandlung. nowa ist kein Medizinprodukt. Übe nur, solange es sich angenehm anfühlt. Wenn dir schwindelig wird, du Atemnot, Herzrasen, Schmerzen in der Brust oder starke Angst bemerkst: Hör auf und atme normal weiter. Wenn du eine Erkrankung hast (zum Beispiel am Herzen, an der Lunge oder Epilepsie) oder schwanger bist, sprich vor neuen Atemübungen mit deiner Ärztin, deinem Arzt oder deiner Hebamme. Ändere eine verordnete Behandlung nie auf eigene Faust.

Quellen

  1. Fincham GW, Kartar A, Uthaug MV, Anderson B, Hall L, Nagai Y, Critchley H, Colasanti A (2023). High ventilation breathwork practices: an overview of their effects, mechanisms, and considerations for clinical applications. Neuroscience & Biobehavioral Reviews 155:105453. doi.org/10.1016/j.neubiorev.2023.105453
    Übersichtsartikel
  2. Havenith MN, Leidenberger M, Brasanac J, Corvacho M, Carmo Figueiredo I, Schwarz L, Uthaug M, Rakusa S, et al. (2025). Decreased CO2 saturation during circular breathwork supports emergence of altered states of consciousness. Communications Psychology 3(1):59. doi.org/10.1038/s44271-025-00247-0
    Explorative Studie, 61 erfahrene Teilnehmende
  3. Kox M, van Eijk LT, Zwaag J, van den Wildenberg J, Sweep FC, van der Hoeven JG, Pickkers P (2014). Voluntary activation of the sympathetic nervous system and attenuation of the innate immune response in humans. Proceedings of the National Academy of Sciences 111(20):7379–7384. doi.org/10.1073/pnas.1322174111
    Randomisierte Studie, 24 gesunde Männer
  4. Almahayni O, Hammond L (2024). Does the Wim Hof Method have a beneficial impact on physiological and psychological outcomes in healthy and non-healthy participants? A systematic review. PLoS One 19(3):e0286933. doi.org/10.1371/journal.pone.0286933
    Systematische Übersicht, 8 Studien
  5. Fincham GW, Epel E, Colasanti A, Strauss C, Cavanagh K (2024). Effects of brief remote high ventilation breathwork with retention on mental health and wellbeing: a randomised placebo-controlled trial. Scientific Reports 14(1):16893. doi.org/10.1038/s41598-024-64254-7
    Randomisierte, placebokontrollierte Studie, 200 junge Erwachsene, drei Wochen
  6. Balban MY, Neri E, Kogon MM, Weed L, Nouriani B, Jo B, Holl G, Zeitzer JM, Spiegel D, Huberman AD (2023). Brief structured respiration practices enhance mood and reduce physiological arousal. Cell Reports Medicine 4(1):100895. doi.org/10.1016/j.xcrm.2022.100895
    Randomisierte Studie, online, 108 gesunde Erwachsene, ein Monat
  7. Boyd C, Levy A, McProud T, Huang L, Raneses E, Olson C (2015). Fatal and nonfatal drowning outcomes related to dangerous underwater breath-holding behaviors: New York State, 1988–2011. Morbidity and Mortality Weekly Report 64(19):518–521. ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4584570
    Fallbericht der US-Gesundheitsbehörde CDC, 16 Fälle
  8. Wim Hof Method. Breathing exercises. Website des Anbieters, abgerufen am 28. Oktober 2026. wimhofmethod.com
    Angaben des Anbieters
  9. Macefield G, Burke D (1991). Paraesthesiae and tetany induced by voluntary hyperventilation. Increased excitability of human cutaneous and motor axons. Brain 114(1B):527–540. doi.org/10.1093/brain/114.1.527
    Experiment mit 6 gesunden Personen
  10. Peltola ME, Leitinger M, Halford JJ, Vinayan KP, Kobayashi K, Pressler RM, Mindruta I, Mayor LC, et al. (2023). Routine and sleep EEG: minimum recording standards of the International Federation of Clinical Neurophysiology and the International League Against Epilepsy. Epilepsia 64(3):602–618. doi.org/10.1111/epi.17448
    Internationale Leitlinie

Alle Quellen zuletzt geprüft am 28. Oktober 2026. Einen Fehler gefunden? Schreib an support@nowabreathing.com, ich korrigiere ihn und vermerke es hier.