Zum Inhalt springen
  1. Startseite
  2. Blog
  3. Atem verstehen

Atem verstehen · 5 Min. Lesezeit

Mehr Sauerstoff durch tiefes Atmen? Was im Blut wirklich passiert

„Tief durchatmen, damit mehr Sauerstoff ins Blut kommt“: Das klingt logisch und stimmt bei gesunden Menschen in Ruhe trotzdem kaum. Hier steht, warum das Blut schon fast voll ist, was tiefes Atmen tatsächlich verändert und was hinter den bekanntesten Sauerstoff-Versprechen steckt.

Von Veröffentlicht am

Das Wichtigste in Kürze

  • Das Blut ist schon fast voll: Bei Gesunden in Ruhe ist es zu 96 bis 98 Prozent mit Sauerstoff beladen. Mehr Atmen bringt kaum etwas dazu.
  • Was sich ändert, ist das Kohlendioxid: Wer mehr atmet als nötig, atmet mehr davon ab. Das kann die Gefässe im Gehirn enger machen und Schwindel auslösen.
  • Die „18 Prozent mehr Sauerstoff durch die Nase“ stammen aus einer kleinen Studie mit sechs künstlich beatmeten Patienten.
  • Langsam heisst nicht tief: Für ruhige Atemübungen reicht so viel Luft, wie sich natürlich anfühlt.

Das Blut ist schon fast voll

Sauerstoff reist im Blut vor allem an einem Eiweiss, dem Hämoglobin. Bei gesunden Menschen, die auf Meereshöhe ganz normal atmen, sind 96 bis 98 Prozent seiner Plätze besetzt.1 Viel Luft nach oben gibt es also nicht.

Dazu kommt eine Eigenheit der Bindung: Oberhalb von etwa 90 Prozent verläuft sie flach. Atmet man schneller oder tiefer, steigt der Sauerstoffdruck im Blut zwar etwas, die Beladung aber kaum noch.1 Und über 100 Prozent geht es ohnehin nicht.

Schema: Links ruhiges Atmen, rechts tiefes, schnelles Atmen. Der Sauerstoffbalken ist in beiden Fällen fast voll. Der Kohlendioxidbalken ist rechts deutlich kürzer, und ein Blutgefäss im Gehirn ist rechts enger gezeichnet. Ruhig Sauerstoff im Blut 96–98 % Kohlendioxid normal Gefäss im Gehirn Tief und schnell Sauerstoff im Blut kaum mehr Kohlendioxid deutlich weniger enger
  1. Ruhig atmen: Das Blut ist zu 96 bis 98 Prozent mit Sauerstoff beladen.
  2. Tiefer und schneller atmen: Die Sättigung steigt kaum, über 100 Prozent geht es ohnehin nicht.
  3. Dafür atmest du mehr Kohlendioxid ab. Sein Anteil im Blut sinkt.
  4. Weniger Kohlendioxid lässt die Blutgefässe im Gehirn enger werden. Schwindel und Kribbeln können folgen.
Schema mit gerundeten Werten für gesunde Erwachsene in Ruhe auf Meereshöhe, nicht massstabsgetreu.

Was tiefes Atmen wirklich verändert

Wer mehr atmet, als der Körper gerade braucht, atmet vor allem mehr Kohlendioxid ab. Schon beim langsamen Atmen nach Takt passiert das vielen Ungeübten in leichter Form: In einer Studie mit 46 Studierenden sank der Kohlendioxidwert in der Ausatemluft im Mittel um gut 5 mmHg. Mit dem Hinweis, nicht übertrieben tief, sondern natürlich zu atmen, nur um knapp 3.2

Kohlendioxid ist dabei kein Abfall, den man loswerden muss. Es steuert unter anderem, wie weit die Blutgefässe im Gehirn sind. Sinkt es stark, ziehen sie sich zusammen: Bei sehr starkem Überatmen kann die Durchblutung des Gehirns um 40 bis 50 Prozent sinken.3 So weit kommt man bei sanften Atemübungen nicht. Die Richtung erklärt aber, warum zu tiefes Atmen schwindelig machen kann statt wacher.

Noch etwas, vereinfacht gesagt: Kohlendioxid hilft dem Hämoglobin, seinen Sauerstoff dort abzugeben, wo er gebraucht wird. Dieser Bohr-Effekt sorgt dafür, dass das Blut in arbeitendem Gewebe mit viel Kohlendioxid leichter loslässt und in der Lunge leichter aufnimmt.1 Wie stark sich das beim Überatmen in Atemübungen auswirkt, hat niemand gemessen.

Und die „18 Prozent mehr Sauerstoff durch die Nase“?

Die Zahl taucht in Büchern und Videos zur Nasenatmung auf. Ein Faktencheck der McGill University ist ihr nachgegangen.4 Ihr Ursprung ist eine kleine Studie von 1996: Bei sechs künstlich beatmeten Patienten auf der Intensivstation stieg der Sauerstoffdruck im Blut um 18 Prozent, als man ihnen Luft aus ihrer eigenen Nase zuführte. Bei gesunden Menschen wurde nur ein Wert durch die Haut gemessen; er lag bei 6 von 8 Personen mit Nasenatmung um 10 Prozent höher.5 Die Sauerstoffbeladung des Blutes bei Gesunden hat die Studie nicht gemessen.

Was stimmt: In den Nasennebenhöhlen entsteht ein Gas namens Stickstoffmonoxid, und es gelangt vor allem bei Nasenatmung in die Lunge.5 Dass Gesunde in Ruhe dadurch nennenswert mehr Sauerstoff im Blut haben, ist nicht gezeigt. Was Nasenatmung sonst kann, steht im Artikel über Nasenatmung.

Bringt die Wim-Hof-Atmung mehr Sauerstoff?

In der bekanntesten Studie dazu atmeten zwölf trainierte Männer nach der Methode: kräftig und schnell, danach lange Atempausen. Der mittlere Sauerstoffdruck im Blut blieb praktisch gleich. Am Ende jeder Atempause fiel die Sauerstoffsättigung aber für etwa zehn Sekunden auf rund 50 Prozent, und das Blut wurde durch das Abatmen von Kohlendioxid stark basisch.6 Mehr Sauerstoff ist das nicht. Was das für die Sicherheit bedeutet, steht im Artikel über Breathwork und Wim Hof.

Warum schnelles Atmen vor dem Tauchen gefährlich ist

Hier zeigt sich, wie wichtig Kohlendioxid ist. Wer vor dem Tauchen hyperventiliert, senkt es. Dann meldet sich der Drang zu atmen später, während der Sauerstoff weiter sinkt, und man kann unter Wasser ohne Vorwarnung bewusstlos werden. In einem Bericht der US-Gesundheitsbehörde CDC hatten alle vier Menschen, die dabei starben, vorher absichtlich hyperventiliert, obwohl sie sehr gut schwimmen konnten.7

Atme vor dem Tauchen oder Luftanhalten nie schnell und tief, und übe Atempausen nie im oder am Wasser. Bei Atemübungen gilt: langsam heisst nicht tief. Wird dir schwindelig oder kribbelt es, atme normal weiter. Hast du anhaltend das Gefühl, nicht richtig durchatmen zu können, lass das ärztlich abklären; bei starker Atemnot, Brustschmerz oder bläulichen Lippen ruf sofort die 112. Werte von Fingerclip oder Uhr deute bitte nicht selbst.

Häufige Fragen

Gibt es Atemübungen für mehr Sauerstoff im Blut?
Bei Gesunden in Ruhe bringen sie kaum etwas: Das Blut ist schon zu 96 bis 98 Prozent beladen.1 Atemübungen können trotzdem guttun, aber aus anderen Gründen.
Kann man zu tief atmen?
Ja. Dann sinkt das Kohlendioxid, und Schwindel oder Kribbeln können folgen. Was in einer Studie half: nicht übertrieben tief, sondern natürlich atmen.2 Mehr dazu im Artikel Wenn Atemübungen nervös machen.
Gibt tiefes Atmen mehr Energie?
Dafür gibt es keinen Beleg. Beim Überatmen spricht die Physiologie eher für das Gegenteil: Die Gefässe im Gehirn werden enger.3
Bringt Nasenatmung mehr Sauerstoff?
Die oft genannten 18 Prozent stammen aus einer Messung bei sechs beatmeten Patienten. Für Gesunde in Ruhe ist das nicht belegt.5, 4

Dieser Artikel informiert allgemein über Atemübungen für Entspannung und Wohlbefinden. Er ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung, Diagnose oder Behandlung. nowa ist kein Medizinprodukt. Übe nur, solange es sich angenehm anfühlt. Wenn dir schwindelig wird, du Atemnot, Herzrasen, Schmerzen in der Brust oder starke Angst bemerkst: Hör auf und atme normal weiter. Wenn du eine Erkrankung hast (zum Beispiel am Herzen, an der Lunge oder Epilepsie) oder schwanger bist, sprich vor neuen Atemübungen mit deiner Ärztin, deinem Arzt oder deiner Hebamme. Ändere eine verordnete Behandlung nie auf eigene Faust.

Quellen

  1. Collins JA, Rudenski A, Gibson J, Howard L, O’Driscoll R (2015). Relating oxygen partial pressure, saturation and content: the haemoglobin–oxygen dissociation curve. Breathe 11(3):194–201. doi.org/10.1183/20734735.001415
    Fortbildungsartikel der European Respiratory Society
  2. Szulczewski MT (2019). An anti-hyperventilation instruction decreases the drop in end-tidal CO2 and symptoms of hyperventilation during breathing at 0.1 Hz. Applied Psychophysiology and Biofeedback 44(3):247–256. doi.org/10.1007/s10484-019-09438-y
    Randomisierte Studie, 46 Studierende
  3. Curley G, Laffey JG, Kavanagh BP (2010). Bench-to-bedside review: carbon dioxide. Critical Care 14(2):220. doi.org/10.1186/cc8926
    Übersichtsartikel
  4. Jarry J (2025). The paper-thin evidence for mouth taping. McGill University, Office for Science and Society, 26. Juni 2025. mcgill.ca/oss
    Faktencheck einer Universität
  5. Lundberg JO, Settergren G, Gelinder S, Lundberg JM, Alving K, Weitzberg E (1996). Inhalation of nasally derived nitric oxide modulates pulmonary function in humans. Acta Physiologica Scandinavica 158(4):343–347. doi.org/10.1046/j.1365-201X.1996.557321000.x
    Kleine Messstudie, 8 Gesunde und 18 beatmete Patienten
  6. Kox M, van Eijk LT, Zwaag J, van den Wildenberg J, Sweep FC, van der Hoeven JG, Pickkers P (2014). Voluntary activation of the sympathetic nervous system and attenuation of the innate immune response in humans. Proceedings of the National Academy of Sciences 111(20):7379–7384. doi.org/10.1073/pnas.1322174111
    Randomisierte Studie, 24 gesunde Männer
  7. Boyd C, Levy A, McProud T, Huang L, Raneses E, Olson C (2015). Fatal and nonfatal drowning outcomes related to dangerous underwater breath-holding behaviors: New York State, 1988–2011. Morbidity and Mortality Weekly Report 64(19):518–521. ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4584570
    Fallbericht der US-Gesundheitsbehörde CDC, 16 Fälle

Alle Quellen zuletzt geprüft am 28. Oktober 2026. Einen Fehler gefunden? Schreib an support@nowabreathing.com, ich korrigiere ihn und vermerke es hier.