Nase und Buteyko · 5 Min. Lesezeit
Nasenatmung trainieren: was die Nase kann und was übertrieben ist
Nasenatmung ist ein Trend, mit grossen Versprechen: mehr Sauerstoff, mehr Leistung, ein schärferes Kinn. Einiges davon stimmt, vieles nicht. Hier steht, was die Nase nachweislich mit der Luft macht, was übertrieben ist und wie du im Alltag mehr durch die Nase atmen kannst, ganz ohne Hilfsmittel.
Das Wichtigste in Kürze
- Belegt: Die Nase wärmt die Luft fast auf Körpertemperatur, befeuchtet sie und filtert grössere Teilchen heraus.
- Übertrieben: Die „18 Prozent mehr Sauerstoff“ stammen aus einer Studie mit sechs beatmeten Patienten. Für Gesunde ist das nicht belegt.
- Gesicht und Mewing: Bei Kindern hängt Mundatmung mit der Kieferentwicklung zusammen. Für Erwachsene habe ich keine Studie gefunden, die eine Veränderung oder Rückbildung zeigt.
- Umgewöhnen: Erst klären, ob die Nase frei ist. Dann tagsüber in Ruhe beginnen, ohne Tape.
Was die Nase nachweislich kann
Die Nase ist eine kleine Klimaanlage. Sie wärmt die eingeatmete Luft fast auf Körpertemperatur, befeuchtet sie und filtert Teilchen und manche Gase heraus.1 Dafür ist sie innen verwinkelt, und das hat einen Preis: Durch die Nase zu atmen kostet etwas mehr Kraft als durch den Mund.2 Ein leichtes Engegefühl am Anfang ist also normal.
- Die Luft strömt durch die Nase ein, oft kühl und trocken.
- Auf dem Weg durch die Nasenhöhle wird sie fast auf Körpertemperatur gewärmt und befeuchtet.
- Grössere Teilchen bleiben in der Nase hängen.
- Aus den Nebenhöhlen kommt ein Gas dazu, Stickstoffmonoxid. Bei Nasenatmung gelangt es mit in die Lunge.
Was übertrieben ist
„18 Prozent mehr Sauerstoff.“ Die Zahl stammt aus einer kleinen Studie von 1996 mit sechs künstlich beatmeten Patienten, denen man Luft aus ihrer eigenen Nase zuführte. Bei Gesunden stieg nur ein durch die Haut gemessener Wert, bei 6 von 8 Personen um 10 Prozent.3, 4 Eine Übersicht von Atem- und Sportfachleuten sieht wenig Hinweise, dass sich solche Effekte auf Gesunde übertragen lassen.5 Was stimmt: In den Nebenhöhlen entsteht Stickstoffmonoxid, und es gelangt bei Nasenatmung in die Lunge.6, 3 Ein messbarer Nutzen für Gesunde ist damit nicht gezeigt. Mehr dazu im Artikel Mehr Sauerstoff durch tiefes Atmen?
Ein anderes Gesicht durch Nasenatmung. Bei Kindern hängt Mundatmung mit einer anderen Kiefer- und Gesichtsentwicklung zusammen. Die Studien dazu schauen allerdings zurück, und die Kinder hatten meist vergrösserte Mandeln oder Atemaussetzer im Schlaf.7 Für Erwachsene habe ich keine Studie gefunden, die zeigt, dass Mundatmung das Gesichtsskelett verändert, und auch keine, dass Nasenatmung oder „Mewing“ es zurückformt.
Mehr Leistung im Sport. Für Gesunde ist das nicht belegt.5 Wird die Belastung grösser, wechseln die meisten Menschen von selbst auf Mund und Nase. In einer Laborstudie war das bei 20 von 30 Gesunden so, im Mittel ab etwa 105 Watt.8 Das ist normal und kein Fehler.
Warum oft nur ein Nasenloch frei ist
Meist strömt durch ein Nasenloch mehr Luft als durch das andere, und das wechselt sich ab. Dieser Nasenzyklus dauerte in einer Messung im Wachzustand etwa zwei Stunden, im Schlaf länger. In Seitenlage war meist das obere Nasenloch freier.9 Wenn eine Seite gerade zu ist, kann es also helfen, dich auf die andere Seite zu legen.
So kannst du dich umgewöhnen
Wie man sich Mundatmung als Erwachsener am besten abgewöhnt, ist kaum untersucht. Belegt sind nur ein paar Grundregeln, der Rest ist Erfahrung:
- Erst die Nase prüfen. Häufige Gründe für Mundatmung sind Allergien, vergrösserte Mandeln oder eine schiefe Nasenscheidewand.10 Ist deine Nase dauerhaft zu, lass das abklären, statt dich zur Nasenatmung zu zwingen.
- Tagsüber in Ruhe beginnen, etwa beim Lesen oder am Bildschirm. Ein kleiner Zettel oder eine Erinnerung hilft, es zu bemerken. Das ist Erfahrung, keine Studie.
- Klein und ruhig atmen statt tief. Das stammt aus der Buteyko-Praxis und ist an Gesunden nicht untersucht, fühlt sich für viele aber angenehmer an als grosse Atemzüge durch die Nase.
- Beim Sport nicht erzwingen. Bei lockerer Bewegung geht Nasenatmung meist gut, bei mehr Belastung nimm den Mund dazu.
- Die Nacht kommt zuletzt. Mund-Tape empfehle ich nicht; warum, steht im Artikel Mund-Tape: was die Studien sagen.
Und nachts? In einer kleinen Studie mit zehn Gesunden wurde der Mund saurer, wenn sie im Schlaf durch den Mund atmen mussten.11 Ob das auf Dauer den Zähnen schadet, hat die Studie nicht gemessen.
Ist deine Nase dauerhaft verstopft, lass das in einer HNO-Praxis abklären. Das gilt erst recht bei einseitig verstopfter Nase, einseitigem Ausfluss, Blut oder Krusten, verändertem Riechen, Schwellung oder Taubheit an der Wange oder Schmerzen im Gesicht.12 Schnarchst du laut, hat jemand Atemaussetzer bemerkt oder bist du tagsüber sehr müde, sprich mit deiner Ärztin oder deinem Arzt. Kinder mit offenem Mund oder Schnarchen gehören zur Kinderärztin, zum Kinderarzt oder in die Kieferorthopädie; Übungen mit Luftanhalten sind für Kinder nicht gedacht. Mit Asthma oder anderen Lungenerkrankungen besprich Nasenatmung beim Sport vorher ärztlich.
Häufige Fragen
- Ist Nasenatmung gesünder als Mundatmung?
- Belegt ist: Die Nase wärmt, befeuchtet und filtert die Luft.1 Weitergehende Gesundheitsversprechen für Gesunde sind nicht belegt.5
- Bekomme ich durch die Nase mehr Sauerstoff?
- Für Gesunde ist das nicht belegt. Die oft genannten 18 Prozent stammen aus einer Messung bei sechs beatmeten Patienten.3, 4
- Warum atme ich nur durch ein Nasenloch?
- Das ist der normale Nasenzyklus: Die Seiten wechseln sich ab, wach etwa alle zwei Stunden.9
- Nasenatmung fühlt sich eng an. Ist das normal?
- Etwas mehr Widerstand als beim Mundatmen ist normal.2 Ist die Nase dauerhaft oder einseitig zu, lass das abklären.
- Kann Mewing mein Gesicht verändern?
- Dafür habe ich keine Studie gefunden. Der Zusammenhang zwischen Mundatmung und Kieferentwicklung betrifft Kinder, meist mit vergrösserten Mandeln.7
- Wie atme ich durch die Nase, wenn sie verstopft ist?
- Das steht im Artikel über die Übung Freie Nase.
Dieser Artikel informiert allgemein über Atemübungen für Entspannung und Wohlbefinden. Er ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung, Diagnose oder Behandlung. nowa ist kein Medizinprodukt. Übe nur, solange es sich angenehm anfühlt. Wenn dir schwindelig wird, du Atemnot, Herzrasen, Schmerzen in der Brust oder starke Angst bemerkst: Hör auf und atme normal weiter. Wenn du eine Erkrankung hast (zum Beispiel am Herzen, an der Lunge oder Epilepsie) oder schwanger bist, sprich vor neuen Atemübungen mit deiner Ärztin, deinem Arzt oder deiner Hebamme. Ändere eine verordnete Behandlung nie auf eigene Faust.
Quellen
- Sahin-Yilmaz A, Naclerio RM (2011). Anatomy and physiology of the upper airway. Proceedings of the American Thoracic Society 8(1):31–39. doi.org/10.1513/pats.201007-050RN
Übersichtsartikel - Elad D, Wolf M, Keck T (2008). Air-conditioning in the human nasal cavity. Respiratory Physiology & Neurobiology 163(1–3):121–127. doi.org/10.1016/j.resp.2008.05.002
Übersichtsartikel - Lundberg JO, Settergren G, Gelinder S, Lundberg JM, Alving K, Weitzberg E (1996). Inhalation of nasally derived nitric oxide modulates pulmonary function in humans. Acta Physiologica Scandinavica 158(4):343–347. doi.org/10.1046/j.1365-201X.1996.557321000.x
Kleine Messstudie, 8 Gesunde und 18 beatmete Patienten - Jarry J (2025). The paper-thin evidence for mouth taping. McGill University, Office for Science and Society, 26. Juni 2025. mcgill.ca/oss
Faktencheck einer Universität - Illidi CR, Romer LM, Johnson MA, Williams NC, Rossiter HB, Casaburi R, Tiller NB (2023). Distinguishing science from pseudoscience in commercial respiratory interventions: an evidence-based guide for health and exercise professionals. European Journal of Applied Physiology 123(8):1599–1625. doi.org/10.1007/s00421-023-05166-8
Übersichtsartikel mit Einschätzung von Fachleuten - Lundberg JO, Farkas-Szallasi T, Weitzberg E, Rinder J, Lidholm J, Änggård A, Hökfelt T, Lundberg JM, et al. (1995). High nitric oxide production in human paranasal sinuses. Nature Medicine 1(4):370–373. doi.org/10.1038/nm0495-370
Laborstudie - Zhao Z, Zheng L, Huang X, Li C, Liu J, Hu Y (2021). Effects of mouth breathing on facial skeletal development in children: a systematic review and meta-analysis. BMC Oral Health 21(1):108. doi.org/10.1186/s12903-021-01458-7
Meta-Analyse, 10 rückblickende Studien mit 1.358 Kindern - Niinimaa V, Cole P, Mintz S, Shephard RJ (1980). The switching point from nasal to oronasal breathing. Respiration Physiology 42(1):61–71. doi.org/10.1016/0034-5687(80)90104-8
Laborstudie, 30 gesunde Erwachsene - Kahana-Zweig R, Geva-Sagiv M, Weissbrod A, Secundo L, Soroker N, Sobel N (2016). Measuring and characterizing the human nasal cycle. PLoS One 11(10):e0162918. doi.org/10.1371/journal.pone.0162918
Messstudie, 33 gesunde Erwachsene, 24 Stunden - Rhee J, Iansavitchene A, Mannala S, Graham ME, Rotenberg B (2025). Breaking social media fads and uncovering the safety and efficacy of mouth taping in patients with mouth breathing, sleep disordered breathing, or obstructive sleep apnea: a systematic review. PLoS One 20(5):e0323643. doi.org/10.1371/journal.pone.0323643
Systematische Übersicht; hier zitiert: Einleitung - Choi JE, Waddell JN, Lyons KM, Kieser JA (2016). Intraoral pH and temperature during sleep with and without mouth breathing. Journal of Oral Rehabilitation 43(5):356–363. doi.org/10.1111/joor.12372
Überkreuzstudie, 10 gesunde Erwachsene - Jangan A, Mughal Z, Ahmad A, Simmons M, Sheikh A, Mughal F (2024). Assessment and management of allergic rhinitis: a review and evidence-informed approach for family medicine. Journal of General and Family Medicine 25(6):305–308. doi.org/10.1002/jgf2.720
Übersichtsartikel für die Hausarztpraxis
Alle Quellen zuletzt geprüft am 28. Oktober 2026. Einen Fehler gefunden? Schreib an support@nowabreathing.com, ich korrigiere ihn und vermerke es hier.