Ruhe und Stress · 6 Min. Lesezeit
Wenn Atemübungen nervös machen: Schwindel, Kribbeln, Herzklopfen
Eigentlich sollen Atemübungen beruhigen. Manchmal passiert das Gegenteil: Dir wird schwindelig, die Hände kribbeln, das Herz klopft, oder du wirst unruhiger. Das ist häufiger, als man denkt, und meistens gut erklärbar. Hier steht, warum es passiert und was nachweislich hilft.
Das Wichtigste in Kürze
- Der häufigste Grund: Wer bewusst atmet, holt oft mehr Luft als nötig. Dann können Schwindel, Kribbeln und Herzklopfen kommen.
- Ein Satz hilft: In einer Studie halbierte der Hinweis, nicht übertrieben tief, sondern ganz natürlich zu atmen, das Überatmen. „Flach atmen“ machte dagegen in einer anderen Studie ängstlicher.
- Atempausen erzeugen Lufthunger, und der kann Angst auslösen. Wer bei 4-7-8 oder Box Breathing unruhig wird, lässt die Pausen weg.
- Übung hilft: Nach einer Woche täglichen Übens überatmeten die Teilnehmenden kaum noch, und die Übung wurde angenehmer.
Du bist nicht allein
Entspannungsübungen gelten für Gesunde allgemein als sicher. Die US-Gesundheitsbehörde NCCIH schreibt aber auch: Manche Menschen erleben dabei mehr Angst, aufdringliche Gedanken oder die Furcht, die Kontrolle zu verlieren.1 In einer Befragung von 300 Studierenden kannten 15 Prozent das Gefühl, bei entspannenden Tätigkeiten wie Yoga oder Meditation ängstlich zu werden.2
Der häufigste Grund: zu viel Luft
Sobald wir bewusst atmen, atmen viele mehr Luft, als der Körper gerade braucht. Fachleute nennen das Überatmen. Dabei sinkt der Anteil an Kohlendioxid im Blut. In einer Studie mit 16 Ungeübten passierte das am ersten Tag bei mehr als einem Drittel deutlich, schon bei ruhigen sechs Atemzügen pro Minute.3 Auch in einer Vergleichsstudie mit 84 Studierenden führte langsames Atmen unerwartet zu leichtem Überatmen.4
Typische Folgen sind Schwindel, Benommenheit, Kribbeln, ein schnellerer Puls und manchmal verkrampfte Hände. Beim langsamen Atmen waren diese Beschwerden in den Studien meist schwach.3, 5 Das Kribbeln hat einen einfachen Grund: Beim Überatmen werden Nervenfasern in Haut und Muskeln leichter erregbar.6 Und leichtes Überatmen macht nicht automatisch unruhig. In einer Studie mit 83 Teilnehmenden ging ein stärkerer Abfall des Kohlendioxids sogar mit etwas weniger unangenehmer Anspannung einher.7
- Du achtest bewusst auf deinen Atem.
- Dabei atmen viele mehr Luft, als der Körper gerade braucht.
- Dann können Schwindel, Kribbeln oder Herzklopfen kommen.
- Das fühlt sich bedrohlich an, und man atmet noch hastiger. Der Kreis schliesst sich.
- Zwei Ausstiege: ganz natürlich statt tief atmen. Und wenn es zu viel wird, Augen auf und normal weiteratmen.
Ein Satz, der viel ändert
In einer randomisierten Studie mit 46 Studierenden atmeten alle zehn Minuten lang langsam nach Takt. Die Hälfte bekam vorher einen einzigen Hinweis: nicht übertrieben tief atmen, sondern ganz natürlich. In dieser Gruppe sank das Kohlendioxid nur etwa halb so stark, und die Beschwerden waren geringer.5
Wichtig ist das Wort „natürlich“. In einer älteren Studie bekamen Menschen mit und ohne Anspannung die kurze Anweisung, flacher zu atmen. Das machte alle Gruppen ängstlicher.8 Langsam und natürlich ist also besser als tief, aber auch besser als absichtlich flach.
Und Übung hilft. Nach einer Woche mit täglich zehn Minuten fiel bei fast niemandem das Kohlendioxid noch deutlich ab, und die Übung wurde als angenehmer erlebt. Beruhigend wirkte das langsame Atmen erst ab dem zweiten Messtermin, nicht beim allerersten Mal.3 Untersucht wurde jeweils die Technik, nicht die nowa-App.
Eine Minute, ganz natürlich
3 Sekunden ein, 6 aus, ohne Pausen
Atempausen und Lufthunger
Je länger man den Atem anhält, desto stärker wird der Drang zu atmen. Dieser Lufthunger ist ein uraltes Warnsignal, und er kann Angst, Frust und Furcht auslösen.9 Übungen mit langen Pausen, etwa die 4-7-8-Atmung oder Box Breathing, sind deshalb nicht für jeden der beste Einstieg. Wenn du dabei unruhig wirst, lass die Pausen weg oder kürze sie. Das liegt nahe, ist aber nicht direkt untersucht.
Herzklopfen ist oft normal
Das Herz schlägt beim Einatmen etwas schneller und beim Ausatmen etwas langsamer. Bei langsamem Atmen und langem Ausatmen werden diese Schwankungen grösser.10 Wer gerade genau hinspürt, nimmt das deutlicher wahr. Überatmen kann den Puls zusätzlich erhöhen.5
Wie man solche Empfindungen deutet, macht einen Unterschied. In einer Studie mit 60 gesunden Erwachsenen hing höhere Ängstlichkeit vor allem damit zusammen, wie man Atemempfindungen bewertet und wie sehr man der eigenen Wahrnehmung traut, weniger damit, wie genau man sie spürt.11 Es kann also helfen, dir zu sagen: Ein schnellerer Puls beim Einatmen ist normal.
Wenn dir ein vorgegebenes Tempo nicht passt
Auch ein ganz normales Tempo passt nicht jedem. In einer grossen Studie atmete die Vergleichsgruppe 15-mal pro Minute nach Takt. Einzelne berichteten trotzdem von Benommenheit, Schwindel oder leichter Angst, weil ihnen das Tempo zu schnell war. Die Forschenden schreiben, dass ein vorgegebenes Tempo kein passendes Atemvolumen garantiert.12 Wenn dir ein Takt nicht passt, beginne bei deinem eigenen Tempo und werde nur langsam ruhiger. Wie du es misst, steht im Artikel über kohärentes Atmen.
Hör auf und atme normal weiter, wenn dir schwindelig wird, es kribbelt, das Herz rast oder die Angst steigt. Ruf sofort die 112 bei starker Atemnot, Druck oder Schmerz in der Brust, Schmerz, der in Arme, Rücken, Hals oder Kiefer ausstrahlt, bläulichen Lippen oder Herzrasen mit Brustschmerz, Atemnot oder Ohnmacht. Wiederkehrende Atemnot gehört ärztlich abgeklärt.
Bei Epilepsie, bestimmten psychischen Erkrankungen oder nach traumatischen Erlebnissen gibt es seltene Berichte, dass Entspannungsübungen Symptome auslösen oder verstärken.1 Wenn du eine Panikstörung hast, sprich vor Atemübungen mit deiner Behandlerin oder deinem Behandler. Atemübungen sind keine Behandlung. Wenn Angst dich häufig belastet oder du Panikattacken hast, sprich mit deiner Hausärztin, deinem Hausarzt oder einer Psychotherapeutin oder einem Psychotherapeuten.
Häufige Fragen
- Warum wird mir schwindelig, wenn ich mich aufs Atmen konzentriere?
- Wer bewusst atmet, holt oft mehr Luft als nötig. Dann sinkt das Kohlendioxid im Blut, und Schwindel oder Benommenheit können folgen.3 Atme natürlich statt tief, und übe regelmässig: Beides verringerte das Überatmen in Studien.5
- Bei der 4-7-8-Atmung wird mir schwindelig. Was tun?
- Zähl schneller, lass die Pausen weg oder nimm eine Übung ohne Pausen. Zur 4-7-8-Atmung gibt es ohnehin kaum Studien.4 Mehr dazu im Artikel über die 4-7-8-Atmung.
- Ist leichter Schwindel bei einer Atemübung schlimm?
- Leichte Beschwerden durch Überatmen kamen in den Studien häufig vor und waren meist schwach.3 Atme dann normal weiter. Bei Warnzeichen wie Brustschmerz oder starker Atemnot ruf die 112.
- Kann ich beim Einschlafen das Atmen vergessen?
- Nein. Der Atemrhythmus entsteht im Hirnstamm und läuft ohne Nachdenken, von der Geburt an.13 Wer im Schlaf Atemaussetzer hat, nach Luft schnappt, laut schnarcht oder tagsüber ständig sehr müde ist, sollte das ärztlich abklären lassen.
- Warum helfen mir Atemübungen nicht?
- Eine einzelne Sitzung änderte die Stimmung in einer Studie nicht.4 In einer anderen beruhigte das langsame Atmen erst nach einigen Tagen Übung.3 Und manchen tut eine andere Form der Entspannung besser. Das ist in Ordnung.
Dieser Artikel informiert allgemein über Atemübungen für Entspannung und Wohlbefinden. Er ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung, Diagnose oder Behandlung. nowa ist kein Medizinprodukt. Übe nur, solange es sich angenehm anfühlt. Wenn dir schwindelig wird, du Atemnot, Herzrasen, Schmerzen in der Brust oder starke Angst bemerkst: Hör auf und atme normal weiter. Wenn du eine Erkrankung hast (zum Beispiel am Herzen, an der Lunge oder Epilepsie) oder schwanger bist, sprich vor neuen Atemübungen mit deiner Ärztin, deinem Arzt oder deiner Hebamme. Ändere eine verordnete Behandlung nie auf eigene Faust.
Quellen
- National Center for Complementary and Integrative Health (2021). Relaxation techniques: what you need to know. US National Institutes of Health. nccih.nih.gov
Verbraucherinformation einer US-Gesundheitsbehörde - Luberto CM, McLeish AC, Kallen RW (2021). Development and initial validation of the Relaxation Sensitivity Index. International Journal of Cognitive Therapy 14(2):320–340. doi.org/10.1007/s41811-020-00086-3
Fragebogenstudie, hier zitiert: Befragung von 300 Studierenden - Szulczewski MT (2019). Training of paced breathing at 0.1 Hz improves CO2 homeostasis and relaxation during a paced breathing task. PLoS One 14(6):e0218550. doi.org/10.1371/journal.pone.0218550
Trainingsstudie, 16 gesunde Erwachsene, sieben Tage - Marchant J, Khazan I, Cressman M, Steffen P (2025). Comparing the effects of square, 4-7-8, and 6 breaths-per-minute breathing conditions on heart rate variability, CO2 levels, and mood. Applied Psychophysiology and Biofeedback 50(2):261–276. doi.org/10.1007/s10484-025-09688-z
Vergleichsstudie im Labor, 84 Studierende - Szulczewski MT (2019). An anti-hyperventilation instruction decreases the drop in end-tidal CO2 and symptoms of hyperventilation during breathing at 0.1 Hz. Applied Psychophysiology and Biofeedback 44(3):247–256. doi.org/10.1007/s10484-019-09438-y
Randomisierte Studie, 46 Studierende - Macefield G, Burke D (1991). Paraesthesiae and tetany induced by voluntary hyperventilation. Increased excitability of human cutaneous and motor axons. Brain 114(1B):527–540. doi.org/10.1093/brain/114.1.527
Experiment mit 6 gesunden Personen - Szulczewski MT, Rynkiewicz A (2018). The effects of breathing at a frequency of 0.1 Hz on affective state, the cardiovascular system, and adequacy of ventilation. Psychophysiology 55(12):e13221. doi.org/10.1111/psyp.13221
Randomisierte Laborstudie, 83 Teilnehmende - Conrad A, Müller A, Doberenz S, Kim S, Meuret AE, Wollburg E, Roth WT (2007). Psychophysiological effects of breathing instructions for stress management. Applied Psychophysiology and Biofeedback 32(2):89–98. doi.org/10.1007/s10484-007-9034-x
Laborstudie, 43 Personen - Banzett RB, Lansing RW, Binks AP (2021). Air hunger: a primal sensation and a primary element of dyspnea. Comprehensive Physiology 11(2):1449–1483. doi.org/10.1002/cphy.c200001
Übersichtsartikel - Lehrer PM, Gevirtz R (2014). Heart rate variability biofeedback: how and why does it work? Frontiers in Psychology 5:756. doi.org/10.3389/fpsyg.2014.00756
Übersichtsartikel - Harrison OK, Köchli L, Marino S, Luechinger R, Hennel F, Brand K, Hess AJ, Frässle S, et al. (2021). Interoception of breathing and its relationship with anxiety. Neuron 109(24):4080–4093. doi.org/10.1016/j.neuron.2021.09.045
Querschnittsstudie, 60 gesunde Erwachsene - Fincham GW, Epel E, Colasanti A, Strauss C, Cavanagh K (2024). Effects of brief remote high ventilation breathwork with retention on mental health and wellbeing: a randomised placebo-controlled trial. Scientific Reports 14(1):16893. doi.org/10.1038/s41598-024-64254-7
Randomisierte, placebokontrollierte Studie, 200 junge Erwachsene - Del Negro CA, Funk GD, Feldman JL (2018). Breathing matters. Nature Reviews Neuroscience 19(6):351–367. doi.org/10.1038/s41583-018-0003-6
Übersichtsartikel
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