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Atem verstehen · 5 Min. Lesezeit

Vagusnerv und Atmung: was belegt ist und was Marketing

Vagusnerv-Tipps sind überall: atmen, summen, gurgeln, Geräte fürs Ohr. Manches davon hat einen wahren Kern, vieles ist Marketing. Hier steht, was die Forschung zeigt. Und weil eine Übung in nowa „Vagusnerv-Reset“ heisst, erkläre ich auch offen, was dieser Name bedeutet und was nicht.

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Das Wichtigste in Kürze

  • Belegt: Langsames Atmen verändert messbar die Herzratenvariabilität, ein indirektes Zeichen für den Einfluss des Vagus auf das Herz.
  • Nicht belegt: dass eine Atemübung den Vagusnerv „zurücksetzt“, repariert oder dauerhaft umstellt.
  • Summen wirkte in kleinen Studien wie langsames Atmen ohne Ton. Zum Gurgeln gibt es keine Studie, und Ohr-Geräte veränderten die Herzratenvariabilität nicht stärker als Scheingeräte.
  • Der Übungsname „Vagusnerv-Reset“ in nowa steht für ein Atemmuster: 4 Sekunden ein, 4 halten, 8 aus. Der Name ist kein Versprechen.

Was der Vagusnerv ist

Der Vagusnerv ist der zehnte Hirnnerv. Er zieht vom Hirnstamm durch Hals und Brustkorb bis in den Bauch, und er ist der wichtigste Nerv, über den das Gehirn den Herzschlag bremsen kann.1 Was viele nicht wissen: Etwa vier von fünf seiner Fasern laufen in die andere Richtung. Sie melden dem Gehirn, was in den Organen los ist.2

Schema: Der Vagusnerv zieht vom Gehirn über das Herz bis in den Bauch. Pfeile zeigen, dass etwa vier von fünf Fasern zum Gehirn melden und eine von fünf zu den Organen. Rechts: Der Herzschlag wird beim Einatmen etwas schneller und beim Ausatmen etwas langsamer. Gehirn Herz Bauch 4 von 5 1 von 5 Atem Herzschlag ein aus ein aus
  1. Der Vagusnerv zieht vom Hirnstamm durch Hals und Brustkorb bis in den Bauch.
  2. Etwa vier von fünf seiner Fasern melden dem Gehirn, was im Körper los ist.
  3. Ein kleinerer Teil sendet Signale an die Organe. Am Herzen kann der Vagus den Herzschlag verlangsamen.
  4. Der Herzschlag schwankt mit dem Atem: beim Einatmen etwas schneller, beim Ausatmen etwas langsamer. Der Vagus ist daran beteiligt.
Schema, stark vereinfacht und nicht massstabsgetreu.

Was Atmen nachweislich verändert

Der Herzschlag folgt dem Atem: Beim Einatmen wird er etwas schneller, beim Ausatmen etwas langsamer.3 Diese Schwankung lässt sich als Herzratenvariabilität (HRV) messen. Eine Auswertung von 223 Studien zeigt: Langsames, bewusstes Atmen erhöht die Teile der HRV, die mit dem Vagus zusammenhängen, während der Übung, direkt danach und nach Programmen über mehrere Wochen.4

Das ist der wahre Kern hinter den Vagus-Tipps. Aber zwei Einschränkungen gehören dazu. Erstens misst die HRV den Vagus nur indirekt, und beim langsamen Atmen ist einer der üblichen Werte schwer zu deuten.5 Zweitens kann die Atmung selbst die Messung verzerren. Fachleute warnen deshalb davor, HRV und „Vagustonus“ gleichzusetzen.6 Wer also schreibt, eine Übung „aktiviere“ den Vagusnerv, vereinfacht stark.

Was „Reset“ im Übungsnamen heisst

In nowa heisst eine Übung „Vagusnerv-Reset“. Dahinter steht ein Atemmuster: 4 Sekunden ein, 4 Sekunden halten, 8 Sekunden aus. Der Name beschreibt kein medizinisches Ergebnis. Keine Studie zeigt, dass eine Atemübung den Vagusnerv zurücksetzt, repariert oder dauerhaft umstellt.

Zum Muster 4-4-8 selbst gibt es genau eine kleine Studie. 15 gesunde junge Männer atmeten zwölf Runden lang im Liegen durch die Nase. 30 Minuten danach war ein HRV-Wert höher als vorher. Nach 60 Minuten und am nächsten Tag war kein Unterschied mehr messbar.7 Untersucht wurde das Muster, nicht die nowa-App. Ein Neustart ist das nicht, eher eine kurze, ruhige Phase. Der Name ist ein Name, kein Versprechen.

Das Muster 4-4-8

Vier Runden, am besten im Sitzen oder Liegen

4 Sekunden ein, 4 halten, 8 aus. Wird dir schwindelig, hör auf und atme normal weiter.

Muss das Ausatmen länger sein?

Das hört man oft, belegt ist es nicht eindeutig. Manche Studien fanden mit langem Ausatmen eine höhere HRV und mehr Entspannung.8 Eine Literaturübersicht zählte aber auch mehrere Studien ohne Unterschied, und in den eigenen Messungen derselben Autoren machte das Verhältnis von Ein- zu Ausatmen keinen Unterschied.9 Wichtiger als das Verhältnis scheint, dass du überhaupt langsam atmest.

Summen, Gurgeln, Ohr-Geräte

Summen verlängert das Ausatmen von selbst. In zwei kleinen Studien stieg die HRV beim Summen ähnlich wie beim langsamen Atmen ohne Ton.10 Ob man den eigenen Ton dabei hörte, machte keinen Unterschied; die Wirkung kam eher vom langsamen Atmen.11 Eine andere kleine Studie fand beim Summen sogar das Gegenteil.12

Gurgeln wird oft als Vagus-Übung empfohlen. Eine Studie dazu habe ich nicht gefunden.

Geräte fürs Ohr sollen den Vagus über die Haut reizen. Eine Auswertung von 16 Studien mit gesunden Menschen fand: Sie veränderten die HRV nicht stärker als eine Scheinstimulation.13 Ärztlich eingesetzte Vagus-Stimulation ist etwas anderes: meist ein Implantat für bestimmte Erkrankungen.2

Der Neurochirurg und Vagus-Forscher Kevin Tracey sagte in einem Interview sinngemäss: Atemübungen, Summen oder Seufzen betreffen den Vagus technisch gesehen schon, aber nicht gezielt, und das sei nicht dasselbe wie eine Elektrode am Nerv.14

Das Muster 4-4-8 enthält eine Atempause. Halte nur so lange, wie es leicht geht, und übe Atempausen nie im oder am Wasser und nie beim Autofahren. Atme vorher nicht schnell und tief: In einem Bericht der US-Gesundheitsbehörde CDC hatten alle vier Menschen, die beim Luftanhalten unter Wasser starben, vorher absichtlich hyperventiliert.15 Wenn du schwanger bist, eine Herz- oder Kreislauferkrankung, Bluthochdruck, Epilepsie, ein Glaukom (Grünen Star) oder eine Panikstörung hast, lass die Pause weg oder sprich vorher mit deiner Ärztin oder deinem Arzt. Atemübungen ersetzen keine Behandlung.

Häufige Fragen

Kann ich meinen Vagusnerv mit Atmen aktivieren?
Langsames Atmen verändert messbar die Herzratenvariabilität, ein indirektes Zeichen für den Einfluss des Vagus auf das Herz.4 „Aktivieren“ ist aber eine starke Vereinfachung, weil die Messung selbst vom Atem abhängt.6
Was bedeutet „Reset“ bei der nowa-Übung?
Es ist der Name eines Atemmusters: 4 Sekunden ein, 4 halten, 8 aus. Ein medizinischer Neustart ist damit nicht gemeint und auch nicht belegt. In der einzigen Studie zu diesem Muster war eine Veränderung der HRV nach 30 Minuten messbar, nach 60 Minuten nicht mehr.7
Welches Atemtempo ist das richtige?
Ein für alle richtiges Tempo ist nicht belegt. Viele Studien nutzen etwa sechs Atemzüge pro Minute; mehr dazu im Artikel über kohärentes Atmen.
Kann ich meinen Vagustonus mit einer Uhr messen?
Die HRV, die viele Uhren anzeigen, ist nur ein indirekter Hinweis. Beim langsamen Atmen sind manche Werte besonders schwer zu deuten.5
Stimmt die Polyvagal-Theorie?
Auf ihr beruht viel Vagus-Marketing. Ihre Grundannahmen sind in der Fachwelt aber stark umstritten; ein langjähriger Kritiker hält sie für kaum haltbar.16

Dieser Artikel informiert allgemein über Atemübungen für Entspannung und Wohlbefinden. Er ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung, Diagnose oder Behandlung. nowa ist kein Medizinprodukt. Übe nur, solange es sich angenehm anfühlt. Wenn dir schwindelig wird, du Atemnot, Herzrasen, Schmerzen in der Brust oder starke Angst bemerkst: Hör auf und atme normal weiter. Wenn du eine Erkrankung hast (zum Beispiel am Herzen, an der Lunge oder Epilepsie) oder schwanger bist, sprich vor neuen Atemübungen mit deiner Ärztin, deinem Arzt oder deiner Hebamme. Ändere eine verordnete Behandlung nie auf eigene Faust.

Quellen

  1. Breit S, Kupferberg A, Rogler G, Hasler G (2018). Vagus nerve as modulator of the brain–gut axis in psychiatric and inflammatory disorders. Frontiers in Psychiatry 9:44. doi.org/10.3389/fpsyt.2018.00044
    Übersichtsartikel; hier zitiert: Anatomie
  2. Austelle CW, Cox SS, Wills KE, Badran BW (2024). Vagus nerve stimulation (VNS): recent advances and future directions. Clinical Autonomic Research 34(6):529–547. doi.org/10.1007/s10286-024-01065-w
    Übersichtsartikel
  3. Yasuma F, Hayano J (2004). Respiratory sinus arrhythmia: why does the heartbeat synchronize with respiratory rhythm? Chest 125(2):683–690. doi.org/10.1378/chest.125.2.683
    Übersichtsartikel
  4. Laborde S, Allen MS, Borges U, Dosseville F, Hosang TJ, Iskra M, Mosley E, Salvotti C, et al. (2022). Effects of voluntary slow breathing on heart rate and heart rate variability: A systematic review and a meta-analysis. Neuroscience & Biobehavioral Reviews 138:104711. doi.org/10.1016/j.neubiorev.2022.104711
    Meta-Analyse, 223 Studien
  5. Laborde S, Mosley E, Thayer JF (2017). Heart rate variability and cardiac vagal tone in psychophysiological research: recommendations for experiment planning, data analysis, and data reporting. Frontiers in Psychology 8:213. doi.org/10.3389/fpsyg.2017.00213
    Methodischer Übersichtsartikel
  6. Grossman P, Taylor EW (2007). Toward understanding respiratory sinus arrhythmia: relations to cardiac vagal tone, evolution and biobehavioral functions. Biological Psychology 74(2):263–285. doi.org/10.1016/j.biopsycho.2005.11.014
    Übersichtsartikel
  7. Kobayashi R, Negoro H (2024). Acute effects of the 4-4-8 breathing technique on arterial stiffness in healthy young men. Cardiology Journal 31(3):418–426. doi.org/10.5603/cj.96299
    Überkreuzstudie, 15 gesunde junge Männer, eine Sitzung
  8. Van Diest I, Verstappen K, Aubert AE, Widjaja D, Vansteenwegen D, Vlemincx E (2014). Inhalation/exhalation ratio modulates the effect of slow breathing on heart rate variability and relaxation. Applied Psychophysiology and Biofeedback 39(3–4):171–180. doi.org/10.1007/s10484-014-9253-x
    Laborstudie, 30 Erwachsene
  9. Meehan ZM, Shaffer F (2024). Do longer exhalations increase HRV during slow-paced breathing? Applied Psychophysiology and Biofeedback 49(3):407–417. doi.org/10.1007/s10484-024-09637-2
    Zwei Laborstudien mit Literaturübersicht
  10. Woo M, Kim T (2025). Effects of slow-paced breathing and humming breathing on heart rate variability and affect: a pilot investigation. Physiology & Behavior 299:114972. doi.org/10.1016/j.physbeh.2025.114972
    Pilotstudie, 16 gesunde Erwachsene
  11. Kim T, Lee S, Woo M (2026). Humming breathing and autonomic regulation: a preliminary study of resonance frequency and vibratory mechanisms. Applied Psychophysiology and Biofeedback, online vorab. doi.org/10.1007/s10484-026-09772-y
    Vorstudie, 24 gesunde Erwachsene
  12. Nivethitha L, Manjunath NK, Mooventhan A (2017). Heart rate variability changes during and after the practice of Bhramari pranayama. International Journal of Yoga 10(2):99–102. doi.org/10.4103/0973-6131.205518
    Messung ohne Kontrollgruppe, 16 gesunde Freiwillige
  13. Wolf V, Kühnel A, Teckentrup V, Koenig J, Kroemer NB (2021). Does transcutaneous auricular vagus nerve stimulation affect vagally mediated heart rate variability? A living and interactive Bayesian meta-analysis. Psychophysiology 58(11):e13933. doi.org/10.1111/psyp.13933
    Meta-Analyse, 16 Studien mit Scheinstimulation
  14. Lichtman F, mit Kevin Tracey (2026). Is there science behind the ‚nervous system reset‘? Science Friday, Sendung vom 11. März 2026. sciencefriday.com
    Interview mit einem Vagus-Forscher, keine Studie
  15. Boyd C, Levy A, McProud T, Huang L, Raneses E, Olson C (2015). Fatal and nonfatal drowning outcomes related to dangerous underwater breath-holding behaviors: New York State, 1988–2011. Morbidity and Mortality Weekly Report 64(19):518–521. ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4584570
    Fallbericht der US-Gesundheitsbehörde CDC, 16 Fälle
  16. Grossman P (2023). Fundamental challenges and likely refutations of the five basic premises of the polyvagal theory. Biological Psychology 180:108589. doi.org/10.1016/j.biopsycho.2023.108589
    Kritischer Übersichtsartikel

Alle Quellen zuletzt geprüft am 28. Oktober 2026. Einen Fehler gefunden? Schreib an support@nowabreathing.com, ich korrigiere ihn und vermerke es hier.