Zum Inhalt springen
  1. Startseite
  2. Blog
  3. Atem verstehen

Atem verstehen · 5 Min. Lesezeit

Dranbleiben ohne Serie: warum ein verpasster Tag kein Rückschlag ist

Viele Apps zählen, wie viele Tage du am Stück geübt hast. Das motiviert, bis ein Tag ausfällt. Hier steht, was Studien über gerissene Serien zeigen, wie lange eine Gewohnheit wirklich braucht und was stattdessen beim Dranbleiben hilft.

Von Veröffentlicht am

Das Wichtigste in Kürze

  • Gerissene Serien bremsen: In Experimenten machten Menschen seltener weiter, wenn ihre App eine gerissene Serie zeigte, bei genau gleichem Verhalten.
  • Ein verpasster Tag ist kein Rückschlag: In der bekanntesten Studie zur Gewohnheitsbildung hat eine einzelne verpasste Gelegenheit den Aufbau nicht wesentlich gestört.
  • Gewohnheiten brauchen Zeit: nicht 21 Tage, sondern meist zwei Monate oder mehr, mit grossen Unterschieden zwischen Menschen.
  • Was hilft: ein Wenn-dann-Plan, ein fester Anker im Alltag und ein freundlicher Wiedereinstieg nach einer Pause.

Was eine gerissene Serie mit uns macht

Die gründlichste Forschung dazu stammt aus der Marketingforschung, von Jackie Silverman und Alixandra Barasch. In sieben Studien zeigten die beiden Menschen ein Protokoll ihrer bisherigen Aktivität, mal mit einer intakten Serie, mal mit einer gerissenen, bei genau gleichem tatsächlichem Verhalten. Mit einer intakten Serie machten sie eher weiter als mit einer gerissenen.1

Zwei Details sind besonders aufschlussreich. Wer sich die Lücke selbst zuschrieb, machte am seltensten weiter: 29 Prozent, gegenüber 42 Prozent bei einer Lücke aus äusseren Gründen und 53 Prozent mit intakter Serie. Und wenn man die Serie „reparieren“ konnte, war der Einbruch deutlich kleiner.1 Gemessen wurde allerdings meist nur die nächste Entscheidung direkt danach, nicht das Üben über Wochen. Und Silverman und Barasch raten Firmen nicht von Serien ab, sondern davon, gerissene Serien hervorzuheben.1

Wie sich lange Serien anfühlen können, zeigen Interviews mit 21 Freizeitläuferinnen und -läufern, deren Serien von 100 bis über 4.500 Tage reichten. Sie berichteten Stolz und Routine, aber viele liefen auch mit Verletzungen weiter und gönnten sich keine Erholung.2

Schema: Links ein Serienzähler, der nach einem ausgelassenen Tag von 12 auf 0 fällt und danach bei 1 neu beginnt. Rechts ein Baum mit zwölf Blättern, der nach dem ausgelassenen Tag kein Blatt verliert und danach ein neues bekommt. Serie 12 0 1 Tage am Stück Baum
  1. Zwölf Tage am Stück geübt: Der Zähler steht bei 12, am Baum hängen zwölf Blätter.
  2. Ein Tag fällt aus. Der Zähler springt auf 0.
  3. Am Baum fällt nichts ab. Die zwölf Blätter bleiben.
  4. Am nächsten Tag übst du wieder: ein neues Blatt. Der Zähler fängt wieder bei 1 an.
Schema. Ein Zähler kennt nur die Serie, ein Baum nur das, was gewachsen ist.

Wie lange eine Gewohnheit wirklich braucht

Die bekannteste Studie dazu begleitete 96 Freiwillige zwölf Wochen lang. Jede Person wählte eine einfache tägliche Handlung, zum Beispiel ein Glas Wasser nach dem Frühstück. Bis die Handlung so automatisch lief, wie sie es am Ende wurde, dauerte es je nach Person 18 bis 254 Tage. Der oft zitierte Wert von 66 Tagen ist der mittlere Wert dieser Reihe. Und der für mich wichtigste Satz: Eine einzelne verpasste Gelegenheit hat den Aufbau der Gewohnheit nicht wesentlich beeinträchtigt.3, 4

Eine Übersicht über 20 Studien kommt zu einem ähnlichen Bild: meist rund zwei Monate oder länger, mit grossen Unterschieden zwischen Menschen. Die verbreiteten „21 Tage“ sind damit klar widerlegt.4 Für Atemübungen gibt es keine eigene Studie, aber es gibt keinen Grund, warum sie schneller gehen sollten.

Was beim Dranbleiben hilft

Ein Wenn-dann-Plan. „Wenn Situation X eintritt, dann tue ich Y.“ Über 94 Tests mit gut 8.000 Teilnehmenden halfen solche Pläne deutlich dabei, Vorsätze auch umzusetzen.5

Ein fester Anker. Ob man die neue Handlung an eine Alltagsroutine oder an eine feste Uhrzeit knüpfte, machte in einer Studie mit 192 Erwachsenen keinen Unterschied. Entscheidend war, den Plan immer wieder auszuführen.6

Ein freundlicher Wiedereinstieg. In einem riesigen Feldexperiment mit über 61.000 Mitgliedern einer Fitnesskette wirkte von 54 Programmen eines am besten: kleine Belohnungen dafür, nach einem verpassten Training zurückzukommen.7 Pausen sind dabei normal. In einer Bewegungs-App mit über 41.000 Nutzenden machten viele eine Pause und kamen später wieder.8

Such dir einen Anker aus, der Satz steht dann da:

Was machst du ohnehin jeden Tag?

„Wenn der Wasserkocher läuft, mache ich drei ruhige Atemzüge.“

Die Wartezeit ist ohnehin da. Drei physiologische Seufzer passen genau hinein.

„Wenn ich den Laptop zuklappe, atme ich eine Minute lang langsam.“

Ein Übergang vom Arbeiten in den Abend. Eine Minute mit langem Ausatmen reicht für den Anfang.

„Nach dem Zähneputzen setze ich mich kurz hin und atme fünf Minuten.“

„Danach“ ist ein guter Anker: In einer kleinen Studie wurde Zahnseide eher zur Gewohnheit, wenn man sie nach dem Putzen benutzte statt davor.9

„Wenn das Licht aus ist, atme ich zehnmal langsam aus.“

Ohne Bildschirm und ohne Zählen auf der Uhr. Mehr dazu im Artikel über Atemübungen zum Einschlafen.

Die Sätze sind Beispiele von mir, keine Rezepte aus einer Studie. Pläne wirken am besten, wenn du sie wirklich als Wenn-dann-Satz formulierst und ein paar Mal durchspielst.

Aufhören ist normal

Falls du schon einmal mit einer Atem-App angefangen und wieder aufgehört hast: Du bist in grosser Gesellschaft. In einer Auswertung von Nutzungsdaten nutzten nach 30 Tagen im Mittel nur noch gut 3 Prozent eine App für psychisches Wohlbefinden, bei reinen Atem-Apps waren es im Mittel fast null.10 Die Daten stammen von 2018 und nur von Android-Geräten, aber das Muster ist deutlich.

Sind Serien also schlecht?

Nicht grundsätzlich. Intakte Serien motivieren, und manche Menschen lieben sie.1, 2 Das Problem ist der Moment, in dem die Serie reisst und die App das anzeigt. nowa verzichtet deshalb auf Serien und Zähler: Ein ausgelassener Tag soll sich nicht wie ein Rückschlag anfühlen. Ob das langfristig zu mehr Übung führt als eine gut gemachte Serie, hat allerdings niemand untersucht.

Häufige Fragen

Wie lange dauert es, bis Atemübungen zur Gewohnheit werden?
Für Atemübungen gibt es keine eigene Studie. Für einfache tägliche Handlungen lag die Spanne bei 18 bis 254 Tagen, der mittlere Wert bei 66 Tagen.3, 4
Stimmen die 21 Tage?
Nein. Eine Übersicht über 20 Studien widerlegt sie ausdrücklich.4
Was passiert, wenn ich einen Tag auslasse?
Wenig. In der bekanntesten Studie hat eine einzelne verpasste Gelegenheit den Aufbau der Gewohnheit nicht wesentlich beeinträchtigt. Wer insgesamt regelmässiger übte, kam aber besser voran.3
Warum fühlt sich eine gerissene Serie so schlecht an?
Weil die Serie selbst zum Ziel wird. Reisst sie, sinkt das Gefühl, etwas geschafft zu haben, besonders wenn man sich selbst die Schuld gibt.1
Wie oft und wie lange sollte ich üben?
Eine Übersicht über die Dosis in den Studien steht im Artikel Wie oft und wie lange üben?

Dieser Artikel informiert allgemein über Atemübungen für Entspannung und Wohlbefinden. Er ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung, Diagnose oder Behandlung. nowa ist kein Medizinprodukt. Übe nur, solange es sich angenehm anfühlt. Wenn dir schwindelig wird, du Atemnot, Herzrasen, Schmerzen in der Brust oder starke Angst bemerkst: Hör auf und atme normal weiter. Wenn du eine Erkrankung hast (zum Beispiel am Herzen, an der Lunge oder Epilepsie) oder schwanger bist, sprich vor neuen Atemübungen mit deiner Ärztin, deinem Arzt oder deiner Hebamme. Ändere eine verordnete Behandlung nie auf eigene Faust.

Quellen

  1. Silverman J, Barasch A (2023). On or off track: how (broken) streaks affect consumer decisions. Journal of Consumer Research 49(6):1095–1117. doi.org/10.1093/jcr/ucac029
    Sieben Studien, eine Feldstudie mit 980 Beschäftigten und sechs Online-Experimente
  2. Curran M, Larade N, Özakinci G, Tymowski-Gionet G, Dombrowski SU (2024). Look, over there! A streaker! Qualitative study examining streaking as a behaviour change technique for habit formation in recreational runners. Health Psychology and Behavioral Medicine 12(1):2416505. doi.org/10.1080/21642850.2024.2416505
    Interviews mit 21 Freizeitläuferinnen und -läufern
  3. Lally P, van Jaarsveld CHM, Potts HWW, Wardle J (2010). How are habits formed: Modelling habit formation in the real world. European Journal of Social Psychology 40(6):998–1009. doi.org/10.1002/ejsp.674
    Beobachtungsstudie, 96 Freiwillige, 12 Wochen
  4. Singh B, Murphy A, Maher C, Smith AE (2024). Time to form a habit: a systematic review and meta-analysis of health behaviour habit formation and its determinants. Healthcare 12(23):2488. doi.org/10.3390/healthcare12232488
    Systematische Übersicht, 20 Studien
  5. Gollwitzer PM, Sheeran P (2006). Implementation intentions and goal achievement: a meta-analysis of effects and processes. Advances in Experimental Social Psychology 38:69–119. doi.org/10.1016/S0065-2601(06)38002-1
    Meta-Analyse, 94 Tests mit 8.461 Teilnehmenden
  6. Keller J, Kwasnicka D, Klaiber P, Sichert L, Lally P, Fleig L (2021). Habit formation following routine-based versus time-based cue planning: a randomized controlled trial. British Journal of Health Psychology 26(3):807–824. doi.org/10.1111/bjhp.12504
    Randomisierte Studie, 192 Erwachsene, 84 Tage
  7. Milkman KL, Gromet D, Ho H, Kay JS, Lee TW, Pandiloski P, Park Y, Rai A, et al. (2021). Megastudies improve the impact of applied behavioural science. Nature 600(7889):478–483. doi.org/10.1038/s41586-021-04128-4
    Feldexperiment mit 61.293 Mitgliedern einer Fitnesskette
  8. Lau EY, Mitchell MS, Faulkner G (2022). Long-term usage of a commercial mHealth app: A “multiple-lives” perspective. Frontiers in Public Health 10:914433. doi.org/10.3389/fpubh.2022.914433
    Beobachtungsstudie, 41.207 Nutzende einer Bewegungs-App, 12 Monate
  9. Judah G, Gardner B, Aunger R (2013). Forming a flossing habit: an exploratory study of the psychological determinants of habit formation. British Journal of Health Psychology 18(2):338–353. doi.org/10.1111/j.2044-8287.2012.02086.x
    Explorative Studie, 50 Teilnehmende
  10. Baumel A, Muench F, Edan S, Kane JM (2019). Objective user engagement with mental health apps: systematic search and panel-based usage analysis. Journal of Medical Internet Research 21(9):e14567. doi.org/10.2196/14567
    Auswertung von Nutzungsdaten, 93 Android-Apps

Alle Quellen zuletzt geprüft am 28. Oktober 2026. Einen Fehler gefunden? Schreib an support@nowabreathing.com, ich korrigiere ihn und vermerke es hier.