Nase und Buteyko · 4 Min. Lesezeit
Kontrollpause und BOLT-Score: messen ohne Normwerte
Wie lange kannst du nach normalem Ausatmen bequem die Luft anhalten? Diese Zahl heisst Kontrollpause, im Englischen auch BOLT-Score, und im Netz kursieren dazu viele Tabellen. Hier kannst du sie messen. Und du erfährst, was der Wert bedeutet, was nicht und warum dein eigener Verlauf mehr zählt als jede Tabelle.
Das Wichtigste in Kürze
- Gemessen wird: wie lange du nach normalem Ausatmen bequem die Luft anhältst, bis zum ersten deutlichen Atemdrang, nicht bis zum Maximum.
- Geprüfte Normwerte gibt es nicht. Tabellen nach Alter im Netz nennen keine Quelle.
- Der Wert sagt den Kohlendioxidgehalt im Körper nicht voraus und hing in zwei Studien nicht mit der Fitness zusammen.
- Sinnvoll ist nur der eigene Verlauf: gleiche Tageszeit, gleiche Haltung, gleicher Ablauf.
Was die Kontrollpause ist
Die Kontrollpause stammt aus der Buteyko-Methode. Gemeint ist die Zeit, die du nach einem normalen Ausatmen bequem die Luft anhalten kannst.1 Es geht ausdrücklich nicht darum, so lange wie möglich durchzuhalten: Der Test endet beim ersten deutlichen Atemdrang und ist damit ein subjektiver Wert.2 Im Englischen heisst eine Variante davon BOLT-Score.
So misst du
- Setz dich ein paar Minuten ruhig hin und atme normal durch die Nase. Am besten immer zur gleichen Tageszeit, zum Beispiel morgens.
- Atme normal und sanft aus, nicht besonders tief.
- Halte dir die Nase zu und starte die Uhr.
- Stopp beim ersten deutlichen Atemdrang, nicht wenn du nicht mehr kannst.
- Atme danach ruhig durch die Nase weiter. Wenn du nach Luft schnappen musst, hast du zu lange gewartet.
Sekunden bis zum ersten Atemdrang
Was der Wert bedeutet und was nicht
Er misst nicht das Kohlendioxid im Körper. Buteyko nahm an, dass eine längere Kontrollpause mehr Kohlendioxid in der Lunge bedeutet. Bei 83 Erwachsenen war der Zusammenhang aber schwach und sogar umgekehrt.3 Eine zweite Studie derselben Gruppe fand keinen Zusammenhang mit dem Kohlendioxid.4 Eine Übersicht von Atem- und Sportfachleuten nennt Buteykos Annahme deshalb widerlegt.5
Er zeigt nicht, wie fit du bist. Bei 28 aktiven Studierenden hing der BOLT-Score nicht mit der Ausdauer zusammen.6 Bei 49 Spitzensportlerinnen und -sportlern ebenfalls nicht, und der Test ist laut den Forschenden wissenschaftlich nicht validiert.2
Viel spielt mit. Warum man den Atem nicht länger halten kann, ist nicht einfach zu erklären; Gase im Blut, Lunge, Muskeln und der eigene Wille wirken zusammen.7 Schon ein unbemerkt tieferer Atemzug vor dem Anhalten kann das Kohlendioxid merklich senken und den Wert verändern.8
- Gemessen wird, wie lange du nach normalem Ausatmen bequem die Luft anhältst, bis zum ersten deutlichen Atemdrang.
- Schon die Art zu messen verändert den Wert stark, etwa ob du vorher tiefer geatmet hast.
- Auch Lungenvolumen, Muskeln, Wille und Unbehagen spielen mit, und wie stark dein Körper auf Kohlendioxid reagiert.
- Den Kohlendioxidgehalt im Körper sagt der Wert nicht voraus. Vergleichbar ist nur dein eigener Wert unter gleichen Bedingungen.
Gibt es Normwerte?
Nein. Geprüfte Normwerte nach Alter habe ich weder in PubMed noch in Europe PMC gefunden, und die Tabellen im Netz nennen keine Quelle. Zur Einordnung, nicht als Norm: In einer Studie hatten 30 gesunde Erwachsene im Mittel eine Kontrollpause von 18 Sekunden, mit grosser Streuung.1 Aussagekräftig ist nur dein eigener Wert über die Zeit, gemessen immer gleich.
Kann man den Wert steigern?
Ja, mit Übung wird man beim Luftanhalten besser. Bei gesunden Sportlerinnen und Sportlern verbesserte Atemanhaltetraining in mehreren Studien die Anhaltezeit, aber nicht die Leistung.2 Ein höherer Wert zeigt also vor allem, dass du das Anhalten geübt hast, nicht dass du gesünder oder fitter bist.
Und der „CO2-Toleranz-Test“?
In der Stanford-Studie zu Atemübungen sollten Teilnehmende messen, wie lange sie nach tiefem Einatmen langsam ausatmen können. Der Wert diente dort nur dazu, die Länge der Phasen beim Box Breathing festzulegen. Ergebnisse zu diesem Test berichtet die Studie nicht.9 Eine Studie, die ihn als Mass für „CO2-Toleranz“ bestätigt, habe ich nicht gefunden.
Halte nur bis zum ersten deutlichen Atemdrang an, nicht bis zum Maximum. Miss nie im oder am Wasser und nie beim Autofahren, und atme vorher nicht schnell und tief: In einem Bericht der US-Gesundheitsbehörde CDC hatten alle vier Menschen, die beim Luftanhalten unter Wasser starben, vorher absichtlich hyperventiliert.10 Miss in Ruhe, nicht direkt nach dem Sport. Die Kontrollpause ist kein medizinischer Messwert und kein Test für Asthma, Angst oder andere Erkrankungen; ändere nie eine verordnete Behandlung wegen dieses Werts. Wenn du schwanger bist, eine Herz- oder Kreislauferkrankung, Bluthochdruck, Epilepsie, ein Glaukom (Grünen Star) oder eine Panikstörung hast, sprich vorher mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.
Häufige Fragen
- Was ist ein guter Wert?
- Das lässt sich mit Studien nicht festlegen. Geprüfte Normwerte gibt es nicht. In einer Studie hatten gesunde Erwachsene im Mittel 18 Sekunden, mit grosser Streuung.1
- Misst die Kontrollpause meine CO2-Toleranz?
- Höchstens teilweise. Den Kohlendioxidgehalt im Körper sagt sie nicht voraus, und viele andere Dinge spielen mit.3, 7
- Sagt der Wert etwas über meine Fitness?
- In zwei Studien nicht, weder bei aktiven Studierenden noch bei Spitzensportlerinnen und -sportlern.6, 2
- Ist ein niedriger Wert ein Zeichen für Stress oder Angst?
- Nein, die Kontrollpause ist kein Test für Stress oder Angst. Wenn dich Angst häufig belastet, sprich mit einer Fachperson.
- Wie oft sollte ich messen?
- Dazu gibt es keine Studie. Wichtig ist nur, immer unter gleichen Bedingungen zu messen, etwa morgens im Sitzen, bevor der Tag losgeht.
Dieser Artikel informiert allgemein über Atemübungen für Entspannung und Wohlbefinden. Er ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung, Diagnose oder Behandlung. nowa ist kein Medizinprodukt. Übe nur, solange es sich angenehm anfühlt. Wenn dir schwindelig wird, du Atemnot, Herzrasen, Schmerzen in der Brust oder starke Angst bemerkst: Hör auf und atme normal weiter. Wenn du eine Erkrankung hast (zum Beispiel am Herzen, an der Lunge oder Epilepsie) oder schwanger bist, sprich vor neuen Atemübungen mit deiner Ärztin, deinem Arzt oder deiner Hebamme. Ändere eine verordnete Behandlung nie auf eigene Faust.
Quellen
- Vagedes K, Kuderer S, Ehmann R, Kohl M, Wildhaber J, Jörres RA, Vagedes J (2024). Effect of Buteyko breathing technique on clinical and functional parameters in adult patients with asthma: a randomized, controlled study. European Journal of Medical Research 29(1):42. doi.org/10.1186/s40001-023-01634-1
Randomisierte Studie; hier zitiert: Definition und Werte der 30 gesunden Vergleichspersonen - Kowalski T, Rebis K, Wilk A, Klusiewicz A, Wiecha S, Paleczny B (2024). Body Oxygen Level Test (BOLT) is not associated with exercise performance in highly-trained individuals. Frontiers in Physiology 15:1430837. doi.org/10.3389/fphys.2024.1430837
Querschnittsstudie, 49 Spitzensportlerinnen und -sportler - Courtney R, Cohen M (2008). Investigating the claims of Konstantin Buteyko, M.D., Ph.D.: the relationship of breath holding time to end tidal CO2 and other proposed measures of dysfunctional breathing. Journal of Alternative and Complementary Medicine 14(2):115–123. doi.org/10.1089/acm.2007.7204
Querschnittsstudie, 83 Erwachsene - Courtney R, Greenwood KM, Cohen M (2011). Relationships between measures of dysfunctional breathing in a population with concerns about their breathing. Journal of Bodywork and Movement Therapies 15(1):24–34. doi.org/10.1016/j.jbmt.2010.06.004
Querschnittsstudie, 84 Personen - Illidi CR, Romer LM, Johnson MA, Williams NC, Rossiter HB, Casaburi R, Tiller NB (2023). Distinguishing science from pseudoscience in commercial respiratory interventions: an evidence-based guide for health and exercise professionals. European Journal of Applied Physiology 123(8):1599–1625. doi.org/10.1007/s00421-023-05166-8
Übersichtsartikel - Marko D, Krajcigr M, Bahenský P (2026). Association between BOLT score, aerobic fitness, and physical activity in active university students: a cross-sectional study. Journal of Sports Medicine and Physical Fitness 66(3):329–339. doi.org/10.23736/S0022-4707.25.17282-4
Querschnittsstudie, 28 aktive Studierende - Parkes MJ (2006). Breath-holding and its breakpoint. Experimental Physiology 91(1):1–15. doi.org/10.1113/expphysiol.2005.031625
Übersichtsartikel - Zerweck L, Schrade G, Manger A, Haas P, Döbele S, Nieß A, Ernemann U, Hauser TK (2026). End-tidal CO2 changes during short breath-hold maneuvers: variability, paradigm effects, and spirometric correlates. Respiratory Physiology & Neurobiology 345:104637. doi.org/10.1016/j.resp.2026.104637
Messstudie, 20 Gesunde - Balban MY, Neri E, Kogon MM, Weed L, Nouriani B, Jo B, Holl G, Zeitzer JM, Spiegel D, Huberman AD (2023). Brief structured respiration practices enhance mood and reduce physiological arousal. Cell Reports Medicine 4(1):100895. doi.org/10.1016/j.xcrm.2022.100895
Randomisierte Studie, online, 108 gesunde Erwachsene - Boyd C, Levy A, McProud T, Huang L, Raneses E, Olson C (2015). Fatal and nonfatal drowning outcomes related to dangerous underwater breath-holding behaviors: New York State, 1988–2011. Morbidity and Mortality Weekly Report 64(19):518–521. ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4584570
Fallbericht der US-Gesundheitsbehörde CDC, 16 Fälle
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