Ruhe und Stress · 6 Min. Lesezeit
Wechselatmung: wie sie geht und was Studien zeigen
Ein Nasenloch zu, durch das andere atmen, dann wechseln: Die Wechselatmung aus dem Yoga ist einfach und lässt sich überall im Sitzen üben. Hier lernst du sie Schritt für Schritt und erfährst, was die Forschung über sie weiß und was nicht.
Das Wichtigste in Kürze
- So geht sie: rechte Hand, Daumen am rechten, Ringfinger am linken Nasenloch. Links ein, rechts aus, rechts ein, links aus: Das ist eine Runde.
- Halten ist kein Muss: Viele Studien üben ohne Pause. Wer hält, tut es kurz und locker, nie bis zur Luftnot.
- Was Studien zeigen: Während der Übung wird der Atem langsamer, und die Herzratenvariabilität steigt. Gleich langsames Atmen ohne Nasenwechsel tut dasselbe.
- Was nicht stimmt: Dass sie die Gehirnhälften ausgleicht oder mehr Sauerstoff bringt, haben Studien nicht bestätigt.
So geht die Wechselatmung
Setz dich aufrecht hin, die rechte Hand ist frei. Der rechte Daumen verschließt das rechte Nasenloch, der Ringfinger (gern mit dem kleinen Finger) das linke. So üben die Teilnehmenden auch in Studien.1 Zeige- und Mittelfinger brauchst du nicht: Klapp sie ein oder leg sie locker an die Stirn. Drück nur leicht zu, die Hand bleibt locker.
- Rechtes Nasenloch mit dem Daumen schließen, links einatmen.
- Beide Nasenlöcher locker schließen und kurz halten. Wer mag, lässt die Pause weg.
- Den Daumen lösen und rechts ausatmen. Der Ringfinger hält links zu.
- Rechts wieder einatmen.
- Wieder beide zu, kurz halten.
- Den Ringfinger lösen und links ausatmen. Das ist eine Runde.
Eingeatmet wird also immer durch das Nasenloch, durch das du gerade ausgeatmet hast. Die Pause ist kein Muss: Viele Studien üben ganz ohne Anhalten.3 In nowa dauert jede Pause 4 Sekunden. Wenn das unangenehm ist, lass sie weg.
Zum Mitmachen
Drei Runden im Takt der App, mit beiden Seiten, dauern etwa anderthalb Minuten. Die Kugel sagt dir, welche Seite dran ist.
Drei Runden Wechselatmung
Rechte Hand: Daumen rechts, Ringfinger links
Woher sie kommt
Die Wechselatmung stammt aus dem Hatha-Yoga. Die Haṭhayogapradīpikā aus dem frühen 15. Jahrhundert beschreibt sie so: links einatmen, die Luft halten, rechts ausatmen, dann umgekehrt.4, 5 Dort soll man die Luft allerdings „so lange halten, wie man kann“. Das übernehme ich nicht: Halten ist hier nur sanft und kurz gemeint.
In Kursen und Studien heißt dieselbe Übung Nadi Shodhana, Nadi Shuddhi oder Anulom Vilom.6 Nadi Shodhana bedeutet etwa „Reinigung der Kanäle“. Gemeint sind Energiekanäle aus der Yoga-Lehre, nicht die Nase. Messen lassen sich diese Kanäle nicht.
Was Studien zeigen
Es gibt viele Studien zur Wechselatmung, aber die meisten sind klein, prüfen nur eine einzige Sitzung und untersuchen oft junge Männer mit Yoga-Erfahrung in Indien. Eine Übersichtsarbeit nennt die Methodik der Studien zu Yoga-Atemübungen insgesamt nicht streng genug.6 Was sich trotzdem zeigt:
- Während der Übung: In einer Studie der Universität Gießen mit 32 Erwachsenen atmeten die Teilnehmenden bei der Wechselatmung etwa fünf Atemzüge pro Minute langsamer, und die Herzratenvariabilität stieg. Nach zwei Wochen Training waren die Werte in Ruhe aber nicht verändert.7
- Das Tempo macht den Unterschied: 20 Gesunde ohne Vorerfahrung übten 30 Minuten Wechselatmung und 30 Minuten langsames Atmen ohne Nasenwechsel, beide fünfmal pro Minute. Die Herzratenvariabilität stieg in beiden Fällen gleich.8 Eine EEG-Studie mit 19 Gesunden fand bei Puls, Herzratenvariabilität und einer Gedächtnisaufgabe ebenfalls keinen Unterschied zwischen links, rechts und im Wechsel.9
- Nach einer Sitzung: 30 Medizinstudierende übten 15 Minuten Wechselatmung oder saßen in einem ruhigen Raum, dann hielten sie eine Rede vor der Kamera. Ihre Anspannung unterschied sich nicht signifikant.1 Bei 50 Männern mit Yoga-Erfahrung beruhigte ruhiges Sitzen sogar mehr als die Wechselatmung.10, 11
- Übung braucht Zeit: Eine Übersicht über 58 Studien fand: Wo die Wechselatmung bei Anfängern wirkte, wurde sie mindestens vier Sitzungen lang angeleitet geübt.12
Untersucht wurde jeweils die Technik, nicht die nowa-App. Mein Fazit: Die Wechselatmung ist eine gute Art, langsam zu atmen, und das Wechseln gibt dem Kopf eine kleine Aufgabe. Dass der Nasenwechsel selbst etwas Besonderes bewirkt, zeigen die Studien nicht. Wenn dir die Übung gefällt, ist das Grund genug. Wenn nicht: Langsames Atmen ohne Nasenwechsel zeigte in den Studien dieselben Messwerte, zum Beispiel beim kohärenten Atmen.
Was über die Wechselatmung erzählt wird
- „Sie gleicht die Gehirnhälften aus.“ Die Idee stammt aus kleinen Studien der 1980er-Jahre, eine davon mit fünf Personen.13 Neuere EEG-Studien fanden während der Wechselatmung keinen Ausgleich zwischen den Hirnhälften.2, 9
- „Sie bringt mehr Sauerstoff.“ Nein. Bei 47 geübten Männern verbrauchte der Körper während der Wechselatmung sogar etwa 10 Prozent mehr Sauerstoff als vorher.14 Warum mehr Luft nicht mehr Sauerstoff bedeutet, steht im Artikel Mehr Sauerstoff durch tiefes Atmen?
- „Sie macht die Nase frei.“ Das ist bei Gesunden nicht untersucht. Die Übung braucht im Gegenteil zwei freie Nasenlöcher.
Dass sich oft eine Seite enger anfühlt, ist übrigens normal. Das ist der Nasenzyklus: Das Gewebe in der Nase schwillt abwechselnd an, und im Wachzustand wechselt die freiere Seite im Schnitt etwa alle zwei Stunden.15 Atme dann einfach ruhig und ohne Druck weiter.
Ist deine Nase verstopft, lass die Übung weg oder atme ruhig durch beide Nasenlöcher. Press nie Luft durch ein enges Nasenloch. Bleibt eine Seite dauerhaft zu, gehört das in die HNO-Praxis. Wird dir schwindelig oder fühlt sich etwas unangenehm an, hör auf und atme normal weiter.
Halte die Luft nur, solange es leicht geht, und nie im oder am Wasser oder beim Autofahren. Atme vorher nicht schnell und tief: In einem Bericht der US-Gesundheitsbehörde CDC hatten alle vier Menschen, die beim Luftanhalten unter Wasser starben, vorher absichtlich hyperventiliert.16 Wenn du schwanger bist, übe ohne Pause oder sprich vorher mit deiner Hebamme, deiner Ärztin oder deinem Arzt; Atempausen sind in der Schwangerschaft kaum untersucht.17 Wenn du eine Herz- oder Kreislauferkrankung, Bluthochdruck, Epilepsie, ein Glaukom (Grünen Star) oder eine Panikstörung hast, lass die Pausen weg oder sprich vorher mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.
Häufige Fragen
- Mit welchem Nasenloch fange ich an?
- Traditionell links.4 Die einzige Vergleichsstudie fand keinen Unterschied, ob man links oder rechts beginnt.2 Wichtig ist nur, dass du nach jedem Ausatmen auf derselben Seite wieder einatmest.
- Muss ich die Luft anhalten?
- Nein. Viele Studien üben ganz ohne Pause.3 Wer hält, tut es kurz und locker, nie so lange wie möglich.
- Was bringt die Wechselatmung?
- Während der Übung wird der Atem langsamer, und die Herzratenvariabilität steigt.7 Gleich langsames Atmen ohne Nasenwechsel tut dasselbe.8 Mehr lässt sich nach den bisherigen Studien nicht sicher sagen.
- Hilft sie vor einer Prüfung oder einem Vortrag?
- Vor einer gestellten Rede beruhigte sie nicht mehr als ruhiges Sitzen.1 Für den Moment davor passt eine Übung ohne Handbewegung besser. Einen Plan dafür findest du im Artikel über Prüfungsnervosität und Lampenfieber.
- Gleicht sie die Gehirnhälften aus?
- Dafür gibt es keinen guten Beleg. Neuere EEG-Studien fanden keinen solchen Ausgleich.2, 9
- Warum bekomme ich durch ein Nasenloch weniger Luft?
- Das ist der Nasenzyklus. Im Wachzustand wechselt die freiere Seite im Schnitt etwa alle zwei Stunden.15 Die meisten merken davon nichts, bis sie ein Nasenloch zuhalten.
- Wie lange sollte ich üben?
- In Studien wurde meist 10 bis 30 Minuten am Stück geübt. In der großen Übersicht dauerten wirksame Atemübungen meist mindestens 5 Minuten und wurden mehrmals geübt.12 Das ist ein Zusammenhang, keine feste Regel. Wie oft Atemübungen allgemein sinnvoll sind, steht im Artikel Wie oft und wie lange.
- Ist die Wechselatmung gut zum Einschlafen?
- Dazu gibt es bei Gesunden keine Studie. nowa setzt sie eher am Tag ein. Für den Abend passen die Übungen aus dem Artikel Atemübungen zum Einschlafen.
Dieser Artikel informiert allgemein über Atemübungen für Entspannung und Wohlbefinden. Er ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung, Diagnose oder Behandlung. nowa ist kein Medizinprodukt. Übe nur, solange es sich angenehm anfühlt. Wenn dir schwindelig wird, du Atemnot, Herzrasen, Schmerzen in der Brust oder starke Angst bemerkst: Hör auf und atme normal weiter. Wenn du eine Erkrankung hast (zum Beispiel am Herzen, an der Lunge oder Epilepsie) oder schwanger bist, sprich vor neuen Atemübungen mit deiner Ärztin, deinem Arzt oder deiner Hebamme. Ändere eine verordnete Behandlung nie auf eigene Faust.
Quellen
- Kamath A, Urval RP, Shenoy AK (2017). Effect of Alternate Nostril Breathing Exercise on Experimentally Induced Anxiety in Healthy Volunteers Using the Simulated Public Speaking Model: A Randomized Controlled Pilot Study. BioMed Research International 2017:2450670. doi.org/10.1155/2017/2450670
Randomisierte Pilotstudie, 30 Medizinstudierende - Telles S, Gupta RK, Yadav A, Pathak S, Balkrishna A (2017). Hemisphere specific EEG related to alternate nostril yoga breathing. BMC Research Notes 10(1):306. doi.org/10.1186/s13104-017-2625-6
EEG-Studie, 13 Männer mit Yoga-Erfahrung - Telles S, Sharma SK, Balkrishna A (2014). Blood pressure and heart rate variability during yoga-based alternate nostril breathing practice and breath awareness. Medical Science Monitor Basic Research 20:184–193. doi.org/10.12659/MSMBR.892063
Studie, 26 Männer mit Yoga-Erfahrung - Svātmārāma (frühes 15. Jahrhundert). Haṭhayogapradīpikā, Kapitel II, Verse 7–10. Englische Übersetzung von Pancham Sinh (1914). sacred-texts.com/hin/hyp/hyp04.htm
Überlieferter Lehrtext - Light on Haṭha Yoga: kritische Edition und Übersetzung der Haṭhapradīpikā. Universitäten Oxford und Marburg, 2021–2024. yoga.ames.ox.ac.uk/hp
Forschungsprojekt zur Datierung - Saoji AA, Raghavendra BR, Manjunath NK (2019). Effects of yogic breath regulation: A narrative review of scientific evidence. Journal of Ayurveda and Integrative Medicine 10(1):50–58. doi.org/10.1016/j.jaim.2017.07.008
Übersichtsarbeit - Epe J, Stark R, Walter B, Ott U (2026). Comparison of Four Yogic Breathing Techniques Regarding Their Impact on Heart-Rate Variability and Breathing Frequency. Medical Sciences 14(6):604. doi.org/10.3390/medsci14060604
Trainingsstudie, 32 Erwachsene, vier Techniken je zwei Wochen - Ghiya S, Lee CM (2012). Influence of alternate nostril breathing on heart rate variability in non-practitioners of yogic breathing. International Journal of Yoga 5(1):66–69. doi.org/10.4103/0973-6131.91717
Laborstudie, 20 Gesunde ohne Vorerfahrung - Frohlich AB, Frohlich F, Sklerov M (2025). Neuronal oscillations and functional connectivity of paced nostril breathing: A high-density EEG study. PLoS One 20(2):e0316125. doi.org/10.1371/journal.pone.0316125
EEG-Studie, 19 Gesunde ohne Vorerfahrung - Telles S, Vishwakarma B, Gupta RK, Balkrishna A (2019). Changes in Shape and Size Discrimination and State Anxiety After Alternate-Nostril Yoga Breathing and Breath Awareness in One Session Each. Medical Science Monitor Basic Research 25:121–127. doi.org/10.12659/MSMBR.914956
Crossover-Studie, 50 Männer mit Yoga-Erfahrung - Chin P, Gorman F, Beck F, Russell BR, Stephan KE, Harrison OK (2024). A systematic review of brief respiratory, embodiment, cognitive, and mindfulness interventions to reduce state anxiety. Frontiers in Psychology 15:1412928. doi.org/10.3389/fpsyg.2024.1412928
Systematische Übersicht, 12 randomisierte Studien - Bentley TGK, D'Andrea-Penna G, Rakic M, Arce N, LaFaille M, Berman R, Cooley K, Sprimont P (2023). Breathing Practices for Stress and Anxiety Reduction: Conceptual Framework of Implementation Guidelines Based on a Systematic Review of the Published Literature. Brain Sciences 13(12):1612. doi.org/10.3390/brainsci13121612
Systematische Übersicht, 58 Studien - Werntz DA, Bickford RG, Shannahoff-Khalsa D (1987). Selective hemispheric stimulation by unilateral forced nostril breathing. Human Neurobiology 6(3):165–171. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/3449485
Kleine Studie, 5 Personen - Singh A, Sharma SK, Telles S, Balkrishna A (2024). Traditional Nostril Yoga Breathing Practices and Oxygen Consumption: A Randomized, Cross-over Study. International Journal of Yoga 17(1):53–60. doi.org/10.4103/ijoy.ijoy_248_23
Crossover-Studie, 47 Männer mit Yoga-Erfahrung - Kahana-Zweig R, Geva-Sagiv M, Weissbrod A, Secundo L, Soroker N, Sobel N (2016). Measuring and Characterizing the Human Nasal Cycle. PLoS One 11(10):e0162918. doi.org/10.1371/journal.pone.0162918
Messstudie, 33 Gesunde, 24 Stunden - Boyd C, Levy A, McProud T, Huang L, Raneses E, Olson C (2015). Fatal and nonfatal drowning outcomes related to dangerous underwater breath-holding behaviors: New York State, 1988–2011. Morbidity and Mortality Weekly Report 64(19):518–521. ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4584570
Fallbericht der US-Gesundheitsbehörde CDC, 16 Fälle - Babbar S, Maulik D (2026). Nasal breathing in pregnancy: a narrative review of physiology, dysregulation and therapeutic interventions. Journal of Maternal-Fetal & Neonatal Medicine 39(1):2728784. doi.org/10.1080/14767058.2026.2728784
Übersichtsarbeit
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